KI als neues Material: Wie Gestalterinnen und Gestalter lernen, mit Algorithmen zu formen
AnzeigeAn der Hochschule Trier lernen Design-Studierende, KI nicht nur zu nutzen, sondern zu hinterfragen. Ein Labor zeigt, wie Künstliche Intelligenz zum gestaltbaren Material wird.
„Die Studierenden behandeln Algorithmen wie widerspenstiges Material – sie testen Bruchstellen, untersuchen Strukturen, suchen nach dem Punkt, an dem das System überraschende Formen annimmt“, erzählt Simon Maris, Professor am KINDLAB der Hochschule Trier. Das Labor für KI und Nachhaltigkeit in der Gestaltung ist Teil eines ambitionierten Experiments: Im Verbundprojekt KITeGG erforschen fünf deutsche Hochschulen, wie sich Künstliche Intelligenz in die Gestaltungslehre integrieren lässt.
Wenn von KI in der Gestaltung die Rede ist, denken viele an spektakuläre Bildgeneratoren. Doch das greift zu kurz. Am Campus Gestaltung der Hochschule Trier, wo über 1000 Studierende in Architektur, Intermedia Design, Innenarchitektur, Modedesign, Kommunikationsdesign sowie Edelstein und Schmuck lernen und forschen, zeigt sich die ganze Breite der Möglichkeiten: Sprachmodelle, die neue Interfaces ermöglichen. Gestenerkennung, die räumliche Interaktionen verändert. Klassifizierungssysteme, die Designprozesse unterstützen.
„KI greifbar machen und begreifen: Technologie und Gesellschaft verbinden durch Gestaltung“ – so lautet der programmatische Titel des vom Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt sowie dem Land Rheinland-Pfalz geförderten Projekts. Gemeinsam mit der Hochschule Mainz, den Hochschulen für Gestaltung in Offenbach und Schwäbisch Gmünd sowie der Köln International School of Design entwickelt Trier neue Wege der Integration von KI in die Gestaltungslehre.
Forschendes Gestalten
Die Herausforderung: Wie können Studierende ohne informatischen Hintergrund – und das ist in der Gestaltung der Normalfall – KI nicht nur anwenden, sondern verstehen und formen? Die Antwort liegt in der besonderen Stärke der Gestaltungsdisziplinen: dem forschenden Lernen durch Machen.
„Gestalter*innen sind es gewohnt, durch praktisches Experimentieren zu Erkenntnissen zu kommen“, erklärt Maris. „Sie suchen Lösungen und finden dabei oft die besseren Fragestellungen.“ Dieses systemische Denken, das von der angewandten Forschung bis ins Künstlerische reicht, macht die Gestaltung zum idealen Feld für die kritische Auseinandersetzung mit KI.
In den Werkstätten des Campus Gestaltung arbeiten und forschen Studierende traditionell mit Holz, Metall, Stoff, Garn, Licht oder Ton. Nun kommt ein neues Material dazu: Künstliche Intelligenz. Eine Modedesignerin trainiert ein Modell mit historischen Schnittmustern und hinterfragt die eingeschriebenen Körperbilder. Ein Architekt nutzt Klassifizierungssysteme, um nachhaltige Materialkreisläufe zu optimieren. Eine Intermedia-Studentin entwickelt Interfaces, die auf Gesten statt auf Prompts reagieren.
Diese Projekte sind kein Zufall. Neben Nachhaltigkeit und Gesundheit ist Digitalisierung einer der drei zentralen Profilthemen der Hochschule Trier – und der Campus Gestaltung spielt dabei eine zentrale Rolle. Denn Gestalter*innen denken von Menschen und Kontexten her, nicht von Funktionen. Sie fragen nicht nur: „Was ist möglich?“, sondern: „Was ist sinnvoll?“ Nicht nur: „Wie funktioniert es?“, sondern: „Für wen und in welchem Kontext?“
Diese Perspektive wird umso wichtiger, je mehr KI unseren Alltag durchdringt. Wenn Sprachassistenten unsere Gesprächspartner werden, wenn Algorithmen unsere Umgebung gestalten, wenn generative Systeme unsere visuelle Kultur prägen – dann braucht es Menschen, die diese Entwicklungen nicht nur technisch verstehen, sondern gestalterisch formen können.
Infrastruktur für Experimente
Um diese Vielfalt zu ermöglichen, entwickelte das KITeGG-Team über zwei Jahre eine eigene Lernplattform und Infrastruktur. Ein Cluster aus 40 leistungsstarken Grafikprozessoren macht KI-Experimente für alle zugänglich – unabhängig davon, ob Studierende einen Gaming-Laptop oder ein altes Notebook besitzen. „Wir wollten keine Zwei-Klassen-Gesellschaft, in der nur diejenigen mit teurer Hardware experimentieren können“, betont das Entwicklungsteam. Über den Browser haben alle Zugang zu denselben professionellen Ressourcen, die sonst nur Tech-Konzernen zur Verfügung stehen.
Die Plattform überbrückt dabei die Kluft zwischen vorgefertigten KI-Tools und komplexer Programmierung. Studierende und Forschende können ohne Vorkenntnisse einsteigen, aber auch tiefer in die Systeme eindringen, wenn sie möchten. Sie können eigene Datensätze erstellen, Verzerrungen untersuchen, mit verschiedenen Modelltypen experimentieren – von Sprachmodellen über Bildklassifizierung bis zu Bewegungserkennung.
Das KINDLAB (Labor „KI und Nachhaltigkeit in der Gestaltung“) entwickelt nicht nur spezielle KI-Kurse, sondern unterstützt alle Lehrenden und Studierenden des Campus bei der Integration von KI in ihre Projekte. Ob eine Architektin KI für Nachhaltigkeitsanalysen nutzen möchte, oder ein Schmuckdesigner mit generativen Formen experimentiert – die Infrastruktur und Expertise stehen allen zur Verfügung. Sie lernen dabei, in den Latenzräumen der KI zu navigieren – sie kartografieren die unsichtbaren Landschaften zwischen Input und Output, zwischen Prompt und Ergebnis.
Un/Learning AI
„Un/learn AI“ heißt die Publikationsreihe des Projekts – ein sprechender Titel. Denn bevor Studierende KI sinnvoll nutzen können, müssen sie viele Annahmen verlernen: Dass KI intelligent sei. Dass sie objektiv sei. Dass sie Kreativität ersetzen könne.
Stattdessen lernen sie, KI als das zu sehen, was sie ist: hochkomplexe statistische Systeme, die Muster in Daten komprimieren und rekombinieren. Ein Large Language Model „versteht“ keine Sprache – es berechnet Wahrscheinlichkeiten für Wortfolgen. Ein Bildgenerator „sieht“ keine Objekte – er berechnet neue Bilder basierend auf bereits gelernten Mustern.
Diese Entmystifizierung ist keine Entzauberung, sondern Ermächtigung. Wer versteht, wie die Systeme funktionieren, kann sie kreativ nutzen und kritisch hinterfragen. Kann untersuchen, welche Bias in den Trainingsdaten stecken. Kann neue Anwendungen erfinden, die über das Offensichtliche hinausgehen.
Die interdisziplinäre Struktur des Campus erweist sich dabei als besondere Stärke. Wenn Studierende aus verschiedenen Fachrichtungen gemeinsam an KI-Projekten arbeiten, entstehen unerwartete Perspektiven und Anwendungen, die in reinen Tech-Labs nicht entstehen würden. Die einen bringen räumliches Denken ein, die anderen Materialkenntnisse, die dritten Erfahrung mit Interaktion.
Von der Lehre zur Praxis
Im September 2025 mündet das Projekt in die TRANSFORM-Konferenz, wo sich die internationale Community trifft. Doch die eigentliche Transformation findet täglich in den Ateliers und Laboren statt. Wenn Studierende lernen, eigenständig mit KI zu experimentieren. Wenn sie neue Fragen stellen, die vorher niemand gestellt hat. Wenn sie Verbindungen schaffen zwischen digitaler Technologie und materieller Gestaltung.
Wir bilden in der Gestaltung keine KI-Spezialist*innen aus. Wir bilden Gestalter*innen aus, die in einer von KI geprägten Welt kritisch denken und kreativ handeln können.
Prof. Simon Maris, Professor für KI und Nachhaltigkeit, Hochschule Trier
Mit KI forschend zu lernen bedeutet: Studierende wissen, wann sie ein Large Language Model nutzen – und wann ein Gespräch mit echten Menschen wichtiger ist. Sie können mit Bildgeneratoren arbeiten – und wissen trotzdem, warum Handzeichnungen unersetzlich bleiben. Sie verstehen Algorithmen – und ihre Grenzen.
Die Zukunft der Gestaltung liegt nicht darin, mit KI zu verschmelzen oder sie zu ignorieren. Sie liegt darin, eine eigenständige gestalterische Perspektive zu entwickeln: kritisch, kreativ, kontextbewusst. Die gestalterische Forschung an der Hochschule Trier zeigt: Diese neue Generation von Gestalter*innen wächst bereits heran. Sie hat gelernt, mit KI als Material zu arbeiten – widerspenstig, überraschend, formbar.
Nachhaltigkeit, Digitalisierung und Gesundheit…
…sind die Profilthemen der Hochschule Trier: In ihren drei Forschungsschwerpunkten bündelt sie wissenschaftliche Expertise zu angewandtem Stoffstrommanagement, intelligenten Technologien für nachhaltige Entwicklung und Life Sciences.
Durch ihr zukunftsfähiges Forschungsprofil ist die Hochschule Trier mit ihren Forschenden in zahlreichen innovativen Projekten in Deutschland und der Welt aktiv. Interdisziplinäre Zusammenarbeit zwischen Forschenden aller Karrierestufen aus den Bereichen Gestaltung und Informatik, Recht, dem Ingenieurswesen und Wirtschaftswissenschaften sind Alltag in der Forschung und künstlerischen Entwicklung. Als drittmittelstärkste Hochschule für angewandte Wissenschaften in Rheinland-Pfalz ist die Hochschule Trier damit ein wichtiger Impulsgeber für die Region.