ZEIT für X
Zwei Männer im Anzug schieben ihre Fahrräder

Den Weg ändern – 5 Impulse für einen klima­freundlichen Arbeits­weg

01. September 2022

Das 9-Euro-Ticket sollte mehr Pendler:innen in Busse und Bahnen bringen. Richtig geklappt hat das nicht. Was können Unter­nehmen für eine klima­freund­lichere Mobilität tun?

von Anna-Lena Limpert, Studio ZX

Erste Aus­wertungen dämpfen die große Hoffnung, die in das 9-Euro-Ticket gesetzt wurde: Pendler:innen stiegen in der Regel auch trotz günstigem Ticket nicht auf den öffentlichen Nah­verkehr (ÖPNV) um. Zwar seien insgesamt mehr Menschen mit dem ÖPNV gefahren, allerdings auf Strecken, die sie sonst gar nicht erst zurück­gelegt hätten. Dabei böte gerade der Arbeits­weg ein großes Potenzial für Veränderung, und zwar eines, „auf das Unter­nehmen besonders gut einwirken können und sollten“, sagt Luis Karcher, Projekt­manager Unter­nehmens­mobilität beim Thinktank Agora Verkehrs­wende. Für ihn ist klar: Arbeit­geber:innen können und sollten maßgeblich mitbestimmen, wie ihre Mit­arbeitenden zur Arbeit kommen, und haben Einfluss darauf, wie klima­freundlich Arbeits­wege zurück­gelegt werden. Wir haben deshalb fünf Tipps gesammelt, wie Unternehmer:innen die richtigen Anreize setzen.

1. Wenn schon Auto, dann elektrisch

Ungefähr zwei Drittel aller Pkw-Neu­zu­lassungen seien gewerblich, erklärt Karcher, „das bietet Unter­nehmen eine enorme Lenkwirkung“. Unternehmen stünden deshalb seiner Meinung nach in der Ver­antwortung, vor allem die Elektri­fizierung ihrer Fahrzeuge voran­zu­treiben, etwa indem sie die Dienst­wagen­flotte auf Elektro­autos umstellten. Das sei laut Karcher auch deswegen besonders relevant, weil mit Dienst­wagen im Durchschnitt viel mehr Kilometer zurück­gelegt würden als mit Privatautos. Das Ein­spar­potenzial von CO2 ist also besonders hoch und sollte dement­sprechend genutzt werden. Mit dem Elektr­oauto allein ist es aber noch nicht getan: Unter­nehmen müssen sicher­stellen, dass auch die Lade­infra­­struktur vorhanden ist.

© Agora Verkehrswende

Luis Karcher gehört seit Mai 2020 zum Team von Agora Verkehrs­wende. Zunächst unterstützte er verschiedene Projekte als studentischer Mitarbeiter. Seit Mai 2021 ist er Projekt­manager für Unter­nehmens­mobilität. Sein Arbeits­schwer­punkt ist die elektrische und nachhaltige Mobilität in Unternehmen und das Thema auto­matisiertes Fahren.

2. Sharing is caring

In einem Auto, das morgens zum Pendeln genutzt wird, sitzen im Schnitt 1,4 Personen. Das bedeutet, dass ein Großteil der Autos auf der Straße fast leer unterwegs sind. Sinnvoll wäre, wenn diese Autos mit mehr Menschen besetzt würden, die ohnehin eine ähnliche Strecke zurück­legen: Das Zauberwort lautet Fahr­gemein­schaft! Eine solche zu bilden, klingt erst mal kompliziert und unflexibel. Muss es aber nicht sein: Unter­nehmen können ihren Mit­arbeitenden dabei helfen, die passenden Mit­fahrer:innen zu finden – zum Beispiel, indem sie die richtigen Tools bereit­stellen. goFLUX, ein Kölner Mobilitäts­unter­nehmen, bietet eine Mitfahr-App für jeden Tag, über die man Fahrten buchen und anbieten kann. Individuelle Wünsche und Routen der Fahrgäste werden dabei für die Berechnung der Strecke und Mitfahrenden ein­kalkuliert. goFLUX arbeitet gezielt mit Unter­nehmen zusammen und bietet passende Pendel­strecken für Mitarbeitende über die eigene App an.

3. Von vier auf zwei Räder

Nur 5 Prozent der Berufs­tätigen pendeln mehr als 50 Kilometer zur Arbeit, fast 40 Prozent legen unter 10 Kilometer zurück. Trotzdem ist der Pkw der un­ange­fochtene Spitzen­reiter auf dem Arbeitsweg. Gerade für Menschen in Städten bietet sich das Fahrrad als Alternative an. Arbeitgeber:innen können ihre Mit­arbeitenden beim Umstieg zum Beispiel mit einem Dienstrad-Leasing unter­stützen. Auf der Website des Anbieters JobRad können Arbeitgeber:innen berechnen, wie viel CO2 sie einsparen, wenn ihre Mit­arbeitenden aufs Rad umsteigen. Und das kann ganz schön viel sein. Die Bereit­stellung eines Zweirades ist nur ein Aspekt. Auch die Infra­struktur des Unternehmens sollte an den wachsenden Radverkehr angepasst werden, etwa durch ausreichend Fahrrad­stell­plätze am richtigen Ort oder Lade­möglich­keiten, erklärt Karcher.

Fahrradfahrer auf Fahrradweg
© JobRad Wie viel CO2 Mitarbeitende beim Umstieg von Auto auf Rad sparen können, kann man auf der JobRad-Seite ausrechnen

4. Die Freiheit, zu wählen

Unternehmen können ihren Mitarbeitenden ein sogenanntes Mobilitäts­budget zur Verfügung stellen. Das bedeutet, dass sie über einen bestimmten Geldbetrag pro Monat verfügen, um zur Arbeit zu kommen. Oder Unter­nehmen bieten CO2– oder Kilo­meter­budgets an. Dieser Betrag kann dann für Arbeits­wege ausgegeben und vom Unter­nehmen erstattet werden. Nachhaltig ist das vor allem dann, wenn das Unternehmen klima­freundliche Mobilitäts­angebote unterstützt. „Steuer­rechtlich und administrativ ist die Abrechnung der Mobilitäts­budgets teilweise kompliziert“, erklärt Karcher von Agora Verkehrs­wende. Deshalb seien einige Unternehmen bei der Einführung noch zurückhaltend. Es gibt aber bereits Lösungen, um solche Kompli­kationen zu umgehen. Eine davon bietet das Start-up MOBIKO an. Seine App vereinfacht das Sammeln der Belege für die Fahrten sowie die Abrechnung. Neben der möglichen CO2-Ersparnis bietet eine solche Lösung viel Flexibilität für Mitarbeitende, die ihr Fort­bewegungs­mittel an die eigenen Bedürfnisse und Vorhaben anpassen können – und nicht andersherum. Ein weiterer Pluspunkt: Papier spart man dank der digitalen Lösung auch noch.

5. Besser als ein Weg? Kein Weg!

Klar, das Arbeiten im Homeoffice hat Vor- und Nachteile. Aber gerade für Mit­arbeitende, die sonst weite Strecken zur Arbeit zurücklegen, kann die CO2-Ersparnis durch das Arbeiten zu Hause immens sein. Eine Studie im Auftrag von Green­peace schätzt die Höhe der CO2-Ein­sparungen auf über 5 Millionen Tonnen CO2-Äquivalent pro Jahr – wenn 40 Prozent aller Erwerbs­tätigen nur an zwei Tagen von zu Hause aus arbeiten. Laut Agora Verkehrswende entspricht das fast 20 Prozent der Emissionen, die durchs Berufs­pendeln verursacht werden.

Bereit, loszulegen?

Bevor Unternehmen bestimmte Mobilitäts­lösungen einführen oder abschaffen, ist es im ersten Schritt essenziell zu erfahren, wie der unter­nehmens­interne Status quo überhaupt aussieht. „Viele Unternehmen wissen gar nicht, wie ihre Mit­arbeitenden zur Arbeit kommen“, sagt Luis Karcher. Nur wer dahingehend Klarheit schafft, kann auf die Bedürfnisse der Belegschaft und deren Mobilität angemessen eingehen und gezielt Änderungen umsetzen.

Auf dem Weg zur Arbeit ist das Auto die Nummer Eins in Deutschland: Laut einer Studie der Agora Verkehrs­wende von 2022 werden 63 Prozent der Arbeits­wege mit dem Auto zurückgelegt, die wenigsten davon als Mitfahrer:in. Der Pendel­verkehr in Deutschland ist damit insgesamt für knapp 23 Prozent der klima­relevanten Emissionen des gesamten Personen­verkehrs verant­wortlich. Viel Spielraum also für Alternativen, die den Arbeits­weg grüner werden lassen.