ZEIT für X
Windrad und Schornsteine

Keine Angst vor der Transformation

01. April 2022

Das Nachhaltigkeits­netz­werk B.A.U.M. e.V. spricht sich aus aktuellem Anlass für eine souveränere Energie­versorgung aus. Was dafür nötig ist, erklärt die Vorsitzende Yvonne Zwick.

von Kristina Kara, Studio ZX

Studio ZX: Frau Zwick, am 11. März haben Sie in einem gemeinsam mit mehr als 20 Wirtschafts-, Umwelt- und Verbraucher­verbänden verfassten offenen Brief an die Bundes­regierung einen „Gipfel für Energie­souveränität“ gefordert. Was genau erhoffen Sie sich?

Yvonne Zwick: Wir müssen die fatale Abhängigkeit von fossilen Energie­trägern beenden und ein Sofort­programm für Erneuerbare, für Energie­sparen und Energie­effizienz auflegen. Wir sollten jetzt alle Optionen maximal ausschöpfen und die Energie­wende in Partnerschaft von Zivil­gesellschaft, Privat­wirtschaft und Politik schnellst­möglich voran­bringen. Dazu gehört auch, unser Wirtschafts­wachstum vom Ressourcen­verbrauch zu entkoppeln. Ich bin davon über­zeugt: die Technologie ist da, das Interesse der Investorinnen und Investoren auch – jetzt los­zu­legen hieße, Investment- und Ressourcen­effizienz­chancen zu heben, uns damit zugleich unabhängiger von fossilen Energie­trägern und damit Unrechts­regimen wie Russland zu machen.

Die Europäische Union hat im Februar beschlossen fossile Energie­träger in die Taxonomie aufzunehmen und erklärt Gas und Atom­strom damit zu nach­haltigen Energie­quellen. Sie halten das für einen großen Fehler. Warum?

Grundsätzlich erschwert die Entscheidung der EU den konsequenten und zügigen Ausbau erneuerbarer Energien. Die Ursprungs­idee der Taxonomie war, die Wettbewerbs­bedingungen für nach­haltige Geschäfts­modelle zu verbessern, indem nachhaltige Wirtschafts­aktivitäten positiv qualifiziert werden können. Die sehr umfang­reiche Arbeit der Expertinnen und Experten, die die Taxonomie entwickelt haben, wurde verwässert; öffentliche Fördermittel können in die Technologien geschleust werden, die noch nicht einmal der französische Rechnungs­hof mehr für vernünftig finanzierbar hält.

Yvonne Zwick
© Hoffotografen Berlin

Yvonne Zwick ist seit Anfang 2021 Vorsitzende von B.A.U.M. e.V. Zuvor war die studierte Theologin als stell­vertretende General­sekretärin des Rats für Nachhaltige Entwicklung (RNE) tätig.

Welche Möglichkeiten gibt es jetzt noch, dagegenzuhalten?

Wir richten unsere Aufmerksamkeit jetzt auf die Ausarbeitung der gesellschaftlichen Taxonomie sowie gute Berichts­standards für die Erfüllung der europäischen Nachhaltig­keits­berichts­pflicht (Corporate Sustainability Reporting Directive, CSRD). Diese muss not­wendiger­weise Kriterien der sozialen und inter­generationellen Gerechtigkeit enthalten. Zukünftige Generationen nicht zu belasten entspricht „do no significant harm“, dem grund­legenden Prinzip der Taxonomie – das ist nach wie vor ein valides Ausschluss­kriterium für Atom. Und welche Sicherheits­dimension die Abhängigkeit von Gas­importen hat, haben wir in den letzten Monaten leider ebenso eindrücklich gesehen.

Wie sieht denn Ihr Lösungs­vorschlag aus?

In Deutschland bewährt sich seit nunmehr zwanzig Jahren die Nachhaltig­keits­strategie. Sie bündelt einzelne Ressort­strategien und bereitet sie für die Bewertung durch die Bundes­regierung und die interessierte Öffentlichkeit auf. Entsprechend halten wir eine europäische Nachhaltig­keits­strategie für dringend erforderlich. Wir brauchen ein Moderations­instrument für die Viel­zahl von Initiativen, mit denen die EU-Kommission unseren Kontinent zum ersten klima­neutralen und zugleich zum wettbewerbs­fähigsten und nach­haltigsten machen möchte, etwa die Regulierungs­initiativen im Sustainable-Finance-Paket, die Novellierung der Berichts­pflicht, die Entwicklung europäischer Nach­haltig­keits­berichts­standards durch die EFRAG oder den Green Deal. Mit einer europäischen Nach­haltig­keits­strategie würden wir auch anschlussfähig an die internationale Nachhaltig­keits­governance, die es mit den globalen Nach­haltig­keits­zielen seit 2015 gibt. Die französische Initiative Managers Responsables 21 (MR21) und B.A.U.M. e.V. appellieren an unsere beiden Regierungen, eine gemeinsame Position für eine europäische Nachhaltig­keits­governance im Rahmen der EU- und G7-Rats­präsident­schaften zu entwickeln. Das habe ich auch Bundes­kanzler Olaf Scholz und Bundes­wirtschafts­minister Robert Habeck geschrieben. Ich hoffe, sie haben Zeit, zu lesen.

Die Nachhaltig­keits­strategie ist auch in Deutschland nur innerhalb einer gewissen Szene bekannt. Warum sprechen Sie ihr so eine bedeutende Rolle zu?

Der Abgleich unternehmerischer Nach­haltigkeits­beiträge mit politisch gesetzten, zeitlich festgelegten messbaren Zielen ist ein Anreiz für die Innovations­kraft in der Wirtschaft, aber auch in der Politik und Verwaltung. Wir brauchen konkrete Hebel, um die Transformations­dynamik in Europa zu entfesseln und nachhaltigen Innovationen einen deutlichen Schub zu geben. Ingenieurinnen und Ingenieure haben Spaß an der Innovations­entwicklung. Sinnvolle Arbeit, die so honoriert wird, dass ich davon gut leben kann, erfüllt. Dafür muss man den Beteiligten aber die Angst vor der Transformation nehmen und eine langfristige Gestaltungs­idee entwickeln, die funktioniert und erstrebens­wert ist. Solange wir an alten wirtschafts­politischen Erzählungen hängen, werden wir auch den gesellschaftlichen Zusammenhalt nicht stärken.

Das Unternehmensnetzwerk B.A.U.M. e.V. wurde 1984 gegründet und hat heute mehr als 700 Mitglieder. Die Aufnahme von Atomkraft und Gas in die EU-Taxonomie hat den Verband unter anderem zu offenen Briefen an Ursula von der Leyen, die Präsidentin der EU-Kommission, sowie Frans Timmermans, den EU-Kommissar für Klimaschutz, bewogen, die am 18. Januar 2022 verschickt wurden.

Die Sustainable Development Goals sind in diesem Zusammenhang eine neue Erzählung, die 2015 von 193 Staaten gezeichnet wurde. Wie können diese Nach­haltigkeits­ziele hier konkret helfen?

Als Agenda 2030 sind sie für lokale Initiativen, zivilgesell­schaftliche und wissenschaftliche Organisationen und Unternehmen gleicher­maßen zur Richtschnur geworden. Die freiwilligen Fortschritts­berichte, die auf Ebene der Vereinten Nationen zusammen­getragen werden, sollten nun auch wirtschafts- und industrie­politisch genutzt werden. Es ist jetzt an der Zeit, Konventionen loszulassen und mit den in den Unterzielen der SDGs angelegten Indikatoren zur Wirkungs­messung neue, konstruktive Partnerschaften zwischen Politik und Wirtschaft zu schließen. Das wird uns in den Energie­markt der Zukunft leiten, in eine sozialökologische Markt­wirtschaft in Europa und auf den Pfad einer global nach­haltigen Entwicklung. Ich halte das für keine Utopie, sondern machbar. Dazu ist aber unabdingbar, dass wer Technologie­offenheit sagt, auch Lebens­zyklus­analyse und Impact Assessment sagt. Wir müssen im Sinne der Aufrichtig­keit gegenüber allen Teilen der Gesellschaft und gegen­über zukünftigen Generationen alle Kosten in unsere Bilanzen und alle Wirkungen in unsere Einschätzungen für die Zukunft einfließen lassen. Tun wir das nicht, werden Risiken verdeckt, die uns früher oder später auf die Füße fallen.

Was ist Ihr Rat für Unternehmen, sich bezüglich der EU-Taxonomie und weiteren geplanten Regularien zukunfts­fähig aufzustellen?

Der einfachste Einstieg für Unternehmen, um sich dem ganzen Komplex der Regulierungs­initiativen zu nähern, ist der Deutsche Nach­haltig­keits­kodex (DNK). Er ist als freiwilliger Berichts­standard seit 2012 in Anwendung – aus Steuer­mitteln finanziert, mit seiner Datenbank und Feedbackprozessen offen zur kostenlosen Anwendung für alle. Vor Kurzem wurden die ersten Kriterien für die Beschreibung taxonomie­konformer Wirtschafts­aktivitäten als optionale Berichts­elemente integriert, die Anforderungen des Liefer­ketten­sorg­falts­pflichten­gesetzes (LkSG) hat er schon drin, und er wird auch die Berichts­anforderungen zur Corporate Sustainability Reporting Directive zügig integrieren, sobald sie in ihrer finalen Fassung vorliegt. Auch nicht berichts­pflichtige Unternehmen und Organisationen können den DNK nutzen, um sich strategisch als verlässliche Player für eine nachhaltige Entwicklung zu positionieren. Wer damit einsteigt, erkennt schnell: Bericht­erstattung und die Erfüllung regulatorischer Anforderungen sind kein Hexenwerk, sondern liegen in unser aller Interesse.