ZEIT für X
Lasse Rheingans

„Die Zeit gibt uns recht“

01. April 2022

Vor vier Jahren führte Lasse Rheingans in seiner Agentur den Fünf-Stunden-Tag ein – bei vollem Lohn- und Urlaubsanspruch. Ein Modell für die Zukunft?

von Ina Brzoska, Studio ZX

Studio ZX: Herr Rheingans, vor vier Jahren führten Sie den Fünf-Stunden-Tag in Ihrer Agentur ein. Was veranlasste Sie damals dazu, diesen Schritt zu gehen?

Lasse Rheingans: Ich führte in der Zeit eine andere Agentur, die auf 45 Mitarbeiter angewachsen war. Trotz Familie und einem großen Freundeskreis arbeitete ich rund um die Uhr. Ich merkte aber, dass es Phasen gab, wo ich keine Höchstleistung bringen konnte, weil ich einfach Pausen brauchte. Ich probierte, wie es funktionieren würde, wenn ich zwei Nachmittage in der Woche freinahm. Mir fiel auf, dass ich mein Arbeitspensum trotzdem schaffte. Außerdem war ich zufriedener und ausgeglichener. Und ich hatte Zeit, nachzudenken, wie das perfekte Arbeitsumfeld aussieht. Daraus ist dann irgendwann der Fünf-Stunden-Tag entwachsen, den ich in meiner neuen Agentur dann auch umgesetzt habe.

Wie klappt der Fünf-Stunden-Tag in Zeiten von Corona und Homeoffice?

Als wir Anfang letzten Jahres alle Mitarbeiter ins Homeoffice geschickt haben, war das eine Riesenherausforderung. Wir mussten interne Prozesse hinterfragen und anpassen, die täglichen Meetings, der Austausch über Arbeitsprozesse, alles musste virtualisiert werden. Das lief dann auch. Ein großes Thema ist und bleibt das Homeschooling. Ich habe selbst zwei Kinder, die beschult werden müssen, und darunter leidet die Arbeitszeit. Wir haben mit Kollegen diskutiert und festgestellt, dass diese Fünf-Stunden-Phase von acht bis 13 Uhr im Lockdown nicht funktioniert. Wir einigten uns dann darauf, keine Termine zwischen zwölf und 14 Uhr zu machen, um Zeit für Betreuung, die Familie oder das Mittagessen zu haben. Es geht in dieser Zeit viel um Selbstorganisation und Mitspracherecht. Jeder hat zunächst bei sich geschaut, welche Phasen am Tag sich für die Arbeit nutzen lassen. Dann wurde im Team verhandelt, wann und wie man sich virtuell trifft. Der Fünf-Stunden-Tag klappt noch, wenn auch manchmal auf andere Art und Weise.

Was sind die wichtigsten Werte, die Sie durch die Krise begleiten?

Wenn die Industrie früher geprägt war durch Perfektion, ist es heute eher Menschlichkeit. Wir brauchen gerade in der Coronazeit die Erlaubnis, Mensch zu sein. Das beinhaltet auch, Fehler machen zu dürfen. Menschlichkeit hilft uns im Team, weil wir Interesse aneinander entwickeln. Das Menschliche verbindet und stärkt das Team. Auch Vertrauen ist essenziell. Als ich 2017 den Fünf-Stunden-Tag einführte, konnte ich das nur, weil ich Menschen vertraue. Ich glaube daran, dass Menschen einen guten Job machen, wenn man sie nur lässt. Wenn man Menschen mit ihren Stärken an die richtige Stelle setzt und ihnen Freilauf gibt und Vertrauen schenkt, dann kommen sie mit überraschenden Ergebnissen.

Als ich 2017 den Fünf-Stunden-Tag einführte, konnte ich das nur, weil ich Menschen vertraue.

Lasse Rheingans, Geschäftsführer

Der Fünf-Stunden-Tag bei vollem Lohn und Urlaubsanspruch: Wo mussten Sie effizienter werden, damit das Unternehmen erfolgreich bleibt?

Also, ich glaube, da gibt es viele Ebenen, auf die man da schauen muss. Die meisten glauben, wir hätten so tolle Prozesse und seien so effizient. Aber es geht um die richtige Kultur. Um die Frage: Wie gehen wir miteinander um? Wenn ich mich wohl und sicher fühle im Job, kann ich mehr leisten, als wenn ich mich unwohl fühle. Unwohl fühlen sich Mitarbeiter durch Machtgefälle, schlechte Kommunikation. Das hemmt ungemein. Neurowissenschaftler sagen, dass das 40 Prozent der Leistungsfähigkeit nimmt. Ich glaube, unsere Effizienz ist eine Mischung aus guter Kultur und einem allgemeinen Wohlfühlen. Aber auch die Ausnutzung von Prozessen in Verbindung mit der richtigen Kultur. Missstände sollten offen kommuniziert und gemeinsam angeschaut werden, und es sollte geschaut werden, wie bekommen wir das gemeinsam hin.

© Frederick Tanton
© Frederick Tanton

Aktuell setzen Sie und auch andere Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber viel auf Eigenverantwortung der Mitarbeitenden. Was ist Ihre Prognose: Wie werden sich Hierarchien nach der Coronakrise entwickeln?

Früher gab es an der Spitze immer jemanden, der alles wusste und allen sagte, wie man es macht. Der Firmengründer, der Patriarch. Er wusste über alle Prozessschritte im Unternehmen Bescheid und kannte die beste Lösung für hochkomplexe Probleme. Das funktioniert aber heute nicht mehr, weil die Welt immer komplexer wird. Irgendwo passieren Dinge, die nicht planbar sind, aber massiven Einfluss auf das Geschäft haben. Das beste Beispiel ist die Coronakrise: Es ist und bleibt komplett unklar, was kommt und was wird. Plötzlich ist alles anders. Organisationen, die nachhaltig erfolgreich sein wollen, müssen das Wissen auf viele Menschen verteilen. Sie brauchen diverse Sichten, Perspektiven, um mit solchen Zuständen umgehen zu können.

Hierarchie ist das Gegenteil von Agilität und passt nicht mehr in unsere Zeit.

Lasse Rheingans, Geschäftsführer

Also arbeiten wir weniger hierarchisch, sondern agiler?

Ja, denn Agilität heißt für mich, sehr flexibel in unsicheren Gewässern unterwegs zu sein. Hierarchie ist das Gegenteil von Agilität und passt nicht mehr in unsere Zeit. Es ist ein langsames Gebilde, man muss Hierarchiestufen überspringen, Entscheidungen dauern lange. Hierarchie ist ein Tanker. Wir müssen aber immer schneller werden. Das geht nur mit Teams, die selbstorganisiert sind, gemeinsam an Dingen arbeiten und sich immer wieder an Veränderungen anpassen.

Wie nutzen Ihre Mitarbeitenden die frei gewordene Zeit?

Sie bilden sich fort. Die Mitarbeiter nehmen sich Zeit, ein Musikinstrument oder eine Sprache zu erlernen. Wir beobachten, dass die intrinsische Motivation, sich zusätzliches Wissen anzueignen oder ehrenamtlich tätig zu werden, steigt, wenn mehr Zeit frei ist. Das ist gut für die Gesellschaft, und wir profitieren vom zusätzlichen Wissen, das die Kollegen mit einbringen.

Inzwischen haben Sie ein Buch zu dem Thema veröffentlicht und beraten große Unternehmen, digitaler und schneller zu werden. Wie ist die Resonanz?

Ich finde, diese Zeit gibt uns recht. Viele Unternehmen müssen flexibel und agil handeln. Große Konzerne wie Unilever oder Microsoft führen die Vier-Tage-Woche bei gleichem Gehalt ein. Selbst Regierungen wie Spanien denken Arbeitszeit neu. Es kommen immer mehr Unternehmen, die Wissen zu dem Thema von uns haben wollen. Früher haben wir zu Prozessen oder zu Digitalisierung beraten, mittlerweile geht es viel um Kulturwandel und Transformation. Inzwischen sind wir keine reine Digitalagentur mehr, sondern eher eine Unternehmensberatung. Wir wollen den Wandel vorantreiben!

Lasse Rheingans
© Lasse Rheingans

Lasse Rheingans, Geschäftsführer von Rheingans, führte 2017 in seiner Bielefelder Agentur als erster deutscher Unternehmer den Fünf-Stunden-Tag ein. Arbeit 4.0 bedeutet für ihn vor allem: Flexibilität. Sein eigener Arbeitstag hat derzeit mehr als fünf Stunden. Perspektivisch ist für ihn das Arbeitsmodell Führung in Teilzeit denkbar.