ZEIT für X
Schule sollte besser bei der Studienwahl unterstützen

„Die Schule sollte besser bei der Studien­wahl unter­stützen“

13. Juni 2022

Johanna, Lieve, Jess und Morgan studieren derzeit an der Monmouth University in New Jersey, USA. Studio ZX haben sie erzählt, wie ihre Schulen sie auf das Studium vorbereitet haben – oder auch nicht.

von Annette Kuhn, Studio ZX

Im Sommer 2021 kamen Jess, Johanna, Lieve und Morgan an die Monmouth University in New Jersey, eine Auto­stunde südlich von New York. Sie spielen zusammen in der Feldhockeymannschaft der Uni. Traditionell sind in den Sport­mannschaften der US-Universitäten viele Student:innen aus dem Ausland. So ist auch nur Morgan US-Amerikanerin. Jess kommt aus Neuseeland, Johanna aus Deutschland und Lieve aus den Niederlanden. Damit haben sie vier unterschiedliche Schul­systeme erlebt. Im Gespräch mit Studio ZX erzählen sie, wie gut sie die Schule auf das Studium vorbereitet hat und was sie sich anders gewünscht hätten.

Schule sollte besser bei der Studienwahl unterstützen
© Annette Kuhn Johanna, Lieve, Jess und Morgan

Studio ZX: Euer erstes Studienjahr habt ihr fast abgeschlossen. Habt ihr euch das Studium so vorgestellt?

Morgan Kato: In den USA ist das Thema College die ganze Zeit ein Thema in den Highschools. Man fängt schon sehr früh an, zu über­legen, an welches College man geht und welche Voraus­setzungen man dafür erfüllen muss. Die Universitäten stellen sich auch selbst an den Schulen vor. Außerdem schreiben viele Leute über ihre Erfahrungen in sozialen Netz­werken. Daher hat man ein ziemlich genaues Bild.

Lieve Meidane: Ich hatte keine wirkliche Vorstellung, wie es sein würde. In den Niederlanden habe ich mich auch noch gar nicht mit Studium und Uni beschäftigt. Aber mir gefällt es.

Jess Tucker: Das Studium und das Studierenden­leben auf dem Campus sind eigentlich so, wie ich es mir aus Filmen vor­gestellt habe.

Johanna Karlhuber: Ja, genau, das habe ich auch gedacht, als ich hier­her­kam. Aber vieles ist dann doch sehr neu. Aber man ist nicht verloren, weil es Advisor gibt, also Berater:innen, die bei der Organisation des Studiums helfen.

Man fängt schon sehr früh an, zu überlegen, an welches College man geht und welche Voraus­setzungen man dafür erfüllen muss.

Morgan Kato

© Annette Kuhn

Morgan Kato, 19, ist US-Amerikanerin. Sie hat vor ihrem Studium die Regional High School in Bordentown besucht, eine öffentliche Schule im Bundes­staat New Jersey. An der Monmouth University studiert sie seit 2021 Nursing (Pflege).

Inwieweit hat euch die Schule bei der Berufs­orientierung unterstützt und auf das Studium vor­bereitet?

Lieve Meidane: Wir haben an der Schule einen Eignungs­test gemacht, und auf der Basis haben Berufs­berater:innen uns Hinweise gegeben, welches Studium oder welcher Beruf zu uns passen würde. Außerdem gibt es an der Uni Veranstaltungen von Studierenden, die einem Infos zu verschiedenen Studien­gängen und zum Studium über­haupt geben. Aber ich finde die Studien­wahl trotzdem schwierig. Darum finde ich es auch gut, dass man in den USA erst mal ein General­studium macht und sein Studien­fach in den ersten zwei Jahren noch wechseln kann.

Morgan Kato: Ich wusste schon sehr lange, dass ich etwas im Gesund­heits­bereich machen will. Aber die Highschools bereiten einen auch gut auf das Studium vor. Man macht einen Berufs­eignungs­test, und es gibt Vor­bereitungs­kurse im „Prep-College“, und zwar auf verschiedenen Levels. Auf dem höchsten Level sammelt man Punkte, die fürs College zählen. Ich habe zum Beispiel in der Schule einen Englisch­kurs gemacht, den ich jetzt nicht mehr an der Uni belegen muss.

Jess Tucker: Einen Eignungstest macht man in Neuseeland nicht, aber es gibt an den Schulen eine Berufs­beratung, zu der man gehen kann. Und die Abschluss­klassen besuchen Berufsmessen. In Neuseeland ist aber auch alles über­schau­barer, weil es ja nur etwa acht Unis gibt.

Johanna Karlhuber: So wenig? In Deutschland habe ich gar keinen Überblick, wie viele das sind, und über­all gibt es so viele verschiedene Studien­gänge. Da ist die Studien­wahl wirklich schwer. Die Unis bieten zwar Info­veranstaltungen für Schulklassen an, aber das ist sehr allgemein. Ich finde, die Schule sollte besser bei der Studien­wahl unter­stützen.

Manche Lehrer:innen machen einen sehr modernen Unterricht, mit digitalen Medien und neuen Lern­formaten, andere gar nicht.

Jess Tucker

Jess Tucker, 19, kommt aus Havelock im Norden von Neuseeland. Die Feld­hockey­spielerin hat von der Monmouth University ein Sport­stipendium bekommen und studiert dort jetzt Health Studies (Gesundheits­wissen­schaften).

© Annette Kuhn

Nützt euch das, was und wie ihr in der Schule gelernt habt, jetzt im Studium?

Jess Tucker: Das hängt sehr von der Lehrkraft ab. Manche Lehrer:innen machen einen sehr modernen Unterricht, mit digitalen Medien und neuen Lern­formaten, andere gar nicht.

Johanna Karlhuber: Viele Schulen in Deutschland sind sehr auf klassische Prüfungen und schriftliche Arbeiten konzentriert. Aber in meiner Schule habe ich schon früh Präsentationen geübt, wir haben mit einer Lern­platt­form und digitalen Medien gearbeitet. Insbesondere in der Corona­pandemie hat sich das verstärkt.

Morgan Kato: Ja, der Digitalunterricht hat auch in den USA in der Corona­pandemie mehr Bedeutung bekommen. Und ich habe gelernt, selbst­ständiger zu arbeiten. Aber ich kenne viele, die gar nicht damit zurecht­kamen, zu Hause allein zu lernen.

Lieve Meidane: In meiner Schulzeit hat sich der Unterricht stark verändert. Anfangs hatte ich fast nur Frontal­unterricht, und es wurde nur Wissen abgefragt. Am Ende meiner Schulzeit ging es mehr darum, Wissen auch anzuwenden. Dazu haben wir mehr in Teams und in Projekten gearbeitet, mehr digitale Medien genutzt und zum Beispiel auch mal ein Video selbst erstellt, was dann wie eine Arbeit zählte. Allerdings ist es, wie Jess sagt: Es hängt sehr von der Lehrkraft ab.

Wenn ihr euch für eure Schulzeit etwas anders gewünscht hättet, was wäre das?

Johanna Karlhuber: Ich denke, die Schule sollte uns besser auf das Leben nach der Schule vorbereiten. Ich hatte keinen Plan, was ich studieren sollte, und ich hätte nach dem Abi noch nicht allein leben können. Es wäre schön, wenn es in der Schule so etwas wie Lebens­kunde geben würde.

Es wäre schön, wenn es in der Schule so etwas wie Lebens­kunde geben würde.

Johanna Karlhuber

Johanna Karlhuber, 19, hat 2021 in Berlin an einer Elite­schule des Sports ihr Abitur gemacht. Bereits 2020 hat sie sich erfolg­reich für ein Sport­stipendium beworben und studiert nun Business Administration an der Monmouth University.

© Annette Kuhn

Morgan Kato: Ja, dem kann ich nur zustimmen. Die Schule hat zu wenig Lebens­bezug.

Jess Tucker: Bei uns gab es das schon ein bisschen. Im letzten Schuljahr haben wir einige Schul­stunden gehabt, in denen wir lebens­nahe Sachen gelernt haben – wie man ein Bankkonto eröffnet, welche Versicherungen man braucht, was man bei einem Miet­vertrag beachten muss. Davon muss es mehr geben.

Es geht später auch nicht darum, dass nur Wissen abgefragt wird. Es ist doch viel wichtiger, dass ich in Teams arbeiten kann, dass ich Ideen und Konzepte entwickle und darüber diskutieren kann.

Lieve Meidane

© Annette Kuhn

Lieve Meidane, 18, ist Niederländerin und kommt aus Bilthoven bei Utrecht. Auch sie ist 2021 mit einem Sport­stipendium für Feldhockey an die Monmouth University gekommen und studiert dort Health Studies.

Lieve Meidane: Ich hätte mir weniger Stress gewünscht. Die Abschluss­prüfungen zählen in den Niederlanden 50 Prozent der Abschluss­note, und dabei wird hier ja nur ein kleiner Ausschnitt geprüft. Das finde ich nicht richtig. Und was hat man davon? Es geht später auch nicht darum, dass ich eine Arbeit schreibe und nur Wissen abgefragt wird. Es ist doch viel wichtiger, dass ich in Teams arbeiten kann, dass ich Ideen und Konzepte entwickle und darüber diskutieren kann.

Unterschiede im Schulsystem

Im Gegensatz zu Deutschland, wo eine Aufteilung auf verschiedene Schularten meist schon nach der vierten Klasse erfolgt, haben Kinder in anderen Ländern meist eine längere gemeinsame Schulzeit.