ZEIT für X
Schülerin allein auf Schulflur

Der Matthäus-Effekt im Bildungs­verlauf

19. April 2022

„Wer hat, dem wird gegeben“: Welchen Werde­gang Menschen in Deutschland einschlagen, hängt nach wie vor stark vom sozio­ökonomischen Hinter­grund ab.

von Annette Kuhn, Studio ZX

Die Bildungsbiografien in Deutschland ändern sich: Kinder kommen heute früher in die Kita, immer mehr Schülerinnen und Schüler schließen die Schule mit dem Abitur ab, und Weiter­bildung nimmt in der beruflichen Karriere einen größeren Raum ein. Das zeigt auch der Nationale Bildungs­bericht 2020. Der Bericht wird alle zwei Jahre vom Bundes­bildungs­ministerium und der Kultus­minister­konferenz heraus­gegeben.

Zugleich machen die dort vor­gestellten Zahlen aber auch deutlich, dass die Bildungs­schere immer weiter aus­einander­geht: Wer welche Laufbahn in der Schule und in der beruflichen Bildung einschlägt, hängt nicht allein von Noten und Leistungen ab, sondern ist nach wie vor abhängig vom sozio­ökonomischen Hinter­grund. Es gilt der in der Soziologie vielfach beschriebene Matthäus-Effekt – abgeleitet von dem Satz „Wer hat, dem wird gegeben“ aus dem Matthäus-Evangelium.

Übergänge sind im Bildungs­verlauf „neuralgische Phasen“

Die unterschiedlichen Ausgangslagen im Bildungs­verlauf machen sich insbesondere bei Bildungs­über­gängen bemerkbar – also beim Über­gang von der Kita in die Grundschule, zwischen Grund­schule und weiter­führender Schule und beim Übergang von der Schule in den Aus­bildungs­markt oder das Studium.

Die Grundschulforscherin Gabriele Faust hat die Übergänge als „neuralgische Phasen“ bezeichnet. Neuralgisch, weil „zu diesen Zeit­punkten unter Unsicherheit Bildungs­entscheidungen zu treffen sind, die möglicher­weise zu langfristigen sozialen und migrations­gekoppelten Chancen­ungleichheiten führen, und weil sie für die Kinder und Familien Heraus­forderungen mit sich bringen, die durch Anpassungs­leistungen bewältigt werden müssen“.

Die sprachliche Heterogenität in Bildungs­einrichtungen wächst

Eine besonders große Herausforderung ist der Eintritt in die Schule. Kinder kommen oft mit sehr unter­schiedlichen Voraus­setzungen in die Schule. Ein wesentlicher Grund für Über­gangs­probleme ist dabei der Sprach­stand. Die sprachliche Heterogenität hat sich im früh­kindlichen Bereich zuletzt weiter erhöht. 2015 haben laut Bildungs­bericht 18 Prozent der Drei- bis Sechs­jährigen in Kinder­tages­ein­richtungen zu Hause kein Deutsch gesprochen, 2019 waren es bereits 22 Prozent. In den Bundes­ländern Bremen, Berlin und Hessen liegt der Anteil sogar bei einem Drittel.

Um den Übergang zwischen Kita und Grundschule zu erleichtern, gibt es inzwischen aber Kooperations­modelle zwischen Kita und Grund­schule. An der Grund­schule am Buntentor­stein­weg in Bremen wird die Einschulung zum Beispiel abhängig vom individuellen Entwicklungs­stand flexibel gehandhabt. Das heißt, nicht alle Vor­schul­kinder werden nach den Sommer­ferien automatisch zu Erst­klässler:innen, sondern manche Kinder starten erst mal für einen begrenzten Stunden­umfang in der Schule und bleiben die restliche Zeit noch in der Kita. Nach und nach wird der Schul­besuch dann ausgedehnt.

Kinder aus Akademiker­familien bekommen eher eine Gymnasial­empfehlung

Um Übergangsprobleme im Bildungs­verlauf aufzufangen und die Anschluss­fähigkeit zwischen den Bildungs­stufen sicher­zu­stellen, gibt es auch entsprechende Kooperationen zwischen Grund­schulen und weiter­führenden Schulen. Die große Heraus­forderung an dieser Schnitt­stelle besteht darin, dass die Verteilung auf verschiedene Schularten in Deutschland sehr früh statt­findet. In den meisten Bundes­ländern startet das gegliederte Schul­system bereits nach der vierten Klasse.

Bei der Entscheidung, auf welche Schule ein Kind dann wechselt, spielt der sozio­ökonomische Hintergrund des Eltern­hauses eine wichtige Rolle. „In Deutschland werden sozial selektive Bildungs­empfehlungen gegeben“, sagt der Soziologe Jörg Dollmann vom Mannheimer Zentrum für Europäische Sozial­forschung im Interview mit dem Deutschen Schulportal. Kinder aus Akademiker­familien würden eher eine Gymnasial­empfehlung bekommen als Kinder aus Nicht­akademiker­familien.

Bei vier von fünf Schüler:innen in der Sekundar­stufe I bleibt es laut Bildungs­bericht dann bei der einmal getroffenen Entscheidung für die weiter­führende Schule. 20 Prozent wechseln die Schulform, dabei geht es bei elf Prozent nach oben, also auf eine höhere Schulform.

Eltern haben starken Einfluss auf den Bildungs­verlauf ihrer Kinder

Vielleicht der größte Bruch im Bildungs­verlauf ist der zwischen Schule und Ausbildung oder Studium. Das liegt auch daran, dass hier flexible Übergänge kaum vorgesehen sind. Und die Unsicherheit bei den Jugendlichen ist offenbar auch sehr groß.

Für die Untersuchung „Schule, und dann?“ im Auftrag der Vodafone Stiftung wurden Schüler:innen in Deutschland befragt, wie es um ihre Berufs­orientierung steht. Demnach hat nur knapp ein Drittel der Schul­abgänger:innen eine konkrete Vorstellung von der beruflichen Zukunft. „Vielen Schülern fällt die Berufswahl eher schwer. Fast jeder Zweite, unabhängig von der besuchten Schulart, empfindet die Entscheidung, was er später beruflich machen möchte, als ziemlich oder sogar ausgesprochen schwierig“, heißt es in der Untersuchung.

56 Prozent fühlen sich auch nicht ausreichend über ihre beruflichen Möglichkeiten informiert. Bei der Berufs­wahl suchen die Jugendlichen daher meist den Schulter­schluss mit ihren Eltern. Hier schlägt dann der sozio­ökonomische Hinter­grund wieder durch: Eltern mit höherer Schul­bildung wünschen sich meist ein Studium für ihr Kind. Eltern mit einfachem Bildungs­abschluss raten öfter zu einer betrieblichen Ausbildung.

Zahlen aus dem Nationalen Bildungs­bericht 2020 belegen, dass Abiturient:innen aus Akademiker­familien selbst mit schwächeren Schulnoten eher studieren. Mit besten Abschluss­noten studieren 96 Prozent der Studien­berechtigten aus Akademiker­familien und 87 Prozent aus Nicht­akademiker­familien. Von den Abiturient:innen mit schwächsten Abschluss­noten studieren immer noch 71 Prozent aus Akademiker­familien, allerdings nur 57 Prozent aus Nicht­akademiker­familien.