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Lehrer Schulstuhl

Was hilft gegen den Lehr­kräfte­mangel?

28. September 2022

Fehlplanungen der Politik treffen auf verschleppte Ausbildungs­reformen, die das Lehramt attraktiver machen könnten. Überall fehlen Lehrer:innen. Was bringt jetzt schnelle Hilfe? ZEIT für Bildung fragt den Bildungs­experten Mark Rackles um Rat.

Das neue Schuljahr ist mit Tausenden unbesetzten Stellen für Lehrkräfte gestartet. Die Lücken könnten in den kommenden Jahren noch größer werden: In Deutschland werden seit 2011 wieder mehr Kinder geboren. Aktuell kommen die Kinder Geflüchteter hinzu, derzeit vor allem aus der Ukraine. Fehl­planungen der Politik potenzieren die Probleme durch verschleppte Ausbildungs­reformen, die das Lehramt attraktiver machen könnten. Was bringt jetzt schnelle Hilfe? Wir fragen Mark Rackles, ehemaliger Staats­sekretär in der Berliner Senats­verwaltung für Bildung, Jugend und Familie. Rackles ist Gast­wissenschaftler am Wissenschafts­zentrum Berlin für Sozial­forschung.

Studio ZX: Es sind verschiedene Maßnahmen im Gespräch, um den Lehr­kräfte­mangel zu über­brücken: größere Klassen, Wegfall von Angeboten in der Ganz­tags­beschulung, Über­brückung mit Studierenden oder Pensionär:innen. Welche davon hilft schnell in der akuten Notlage?

Mark Rackles: Die Erhöhung der Schülerzahl pro Klasse – etwa durch Umverteilung oder Klassen­zusammen­legungen – wäre sicher wirksam. Dadurch hätte man beispiels­weise eine Klasse pro Jahr­gang weniger und könnte so ausgleichen, was an Lehrkräften fehlt, beziehungs­weise hätte an anderer Stelle wieder eine Lehrkraft zur Verfügung.

Viele Schulleitungen befürchten: Klassen mit 30, 40 Schüler:innen könnten speziell junge Lehrer:innen von vornherein abschrecken und überfordern.

Genau, deshalb halte ich das nicht für einen sinnvollen Weg. Klassen mit über 30 Schüler:innen sind sicherlich nur schwierig handhabbar, vor allem an Schulen mit vielen Inklusions­kindern und -jugendlichen sowie Flüchtlings­klassen. Länger­fristig ist das also nicht sinnvoll und wird nicht funktionieren, schon gar nicht, wenn man es den Lehrkräften aufzwingt. Denn dadurch würde man als Reaktion noch mehr Lehr­kräfte durch Krank­meldungen oder Versetzungs­anträge verlieren. Parallel müsste zudem die Zahl pädagogischer Begleit­personen wie Schul­begleiter:innen oder Sozial­arbeiter:innen im Unterricht aufgestockt werden. Gerade in Inklusions­klassen spielen sie eine ganz wichtige Rolle. Zusätzliche Mittel dafür bekommen aber in der Regel hauptsächlich sogenannte Brenn­punkt­schulen.

Mark Rackles
© privat

Mark Rackles ist ehemaliger Staats­sekretär in der Berliner Senats­verwaltung für Bildung, Jugend und Familie. Seit 2020 ist er als Berater im Bildungs­bereich tätig.

Viele Lehrer:innen arbeiten in Teilzeit. Was würde es konkret bringen, einige von ihnen zur Vollzeit zu bewegen?

Sehr viel. Denn die Teilzeitquote ist in fast allen Bundesländern recht hoch. Beispiel Berlin: Hier arbeiten mit knapp 12.000 Lehrkräften etwa 35 Prozent in Teilzeit, darunter auch viele jüngere, die sich von Anfang an eine bessere Work-Life-Balance mit mehr Zeit für die Familie wünschen und sich unter anderem auch deshalb für den Lehrerberuf – und für die in vielen Bundes­ländern übliche Verbeamtung – entschieden haben.

Von welcher Größenordnung sprechen wir?

Es würde schon helfen, wenn nur ein geringer Prozentsatz der Teil­zeit­lehr­kräfte die Stunden­anzahl um eine Stunde erhöht: Bei 100 Lehrkräften entspräche dies vier zusätzlichen Lehrkräften, wenn man 25 Unterrichts­stunden als Schnitt für Voll­zeit­stellen nimmt. Für viele Schulen könnte schon die zusätzliche Stunde einer vollen Lehrkraft darüber entscheiden, ob in Klasse 5 Biologie ausfällt oder ob in Klasse 7 Geografie unterrichtet werden kann.

Aber wie überredet man Lehrkräfte dazu?

Das persönliche Gespräch, Verhandlungsgeschick und Finger­spitzen­gefühl der Schul­leitungen sind hier gefragt. Viele sind bereit, den Kolleg:innen für eine zeit­weilige Rückkehr zur Vollzeit etwas anzubieten. Etwa, dass Berufs­anfänger:innen, wenn sie bereit sind, zwei Jahre lang eine oder zwei Stunden mehr zu unterrichten, dafür stabile, unkomplizierte Klassen und regel­mäßige Unterrichts­hospitationen bekommen. Oder mehr Frei­stellungen für Fortbildungen. Es ginge ja in der Regel nur um wenige Jahre – bis wieder mehr junge Hoch­schul­absolvent:innen zur Verfügung stehen.

Allerdings muss man auch sagen: Die Erhöhung der Arbeits­zeit ist zwar eine wirksame Stell­schraube, sie macht den Lehr­beruf aber für viele auch unattraktiver. Und das ist letztlich kontra­produktiv.

Wie schätzen Sie das Potenzial bei den Pensionär:innen ein?

Das ist hoch. Wenn man zugrunde legt, dass pro Jahr in Deutschland bis zu 40.000 Lehrkräfte in Pension gehen, wäre es eine große Unter­stützung, wenn nur ein Bruchteil von ihnen bereit wäre, weiterhin ein paar Stunden auf Teil­zeit­basis zu arbeiten. Etliche haben tatsächlich mit Anfang, Mitte 60 auch noch Lust dazu. Auch Hoch­schul­dozent:innen könnten aushelfen, etwa in den natur­wissenschaftlichen Fächern in der Oberstufe.

Wie sehr können darüber hinaus auch Master­studierende mobilisiert werden – für sie ist es doch eine sehr gute Praxis­erfahrung?

Die Schulen greifen jetzt schon auf Studierende zurück. Das sollte aber nicht ausgeweitet werden, denn letztlich geht das zulasten des Studiums, führt in der bestehenden Struktur zu längeren Studien­zeiten und damit zu längeren Warte­zeiten der Schulen auf neue Lehrkräfte.

Und wie realistisch ist es, ad hoc die Referendariats­dauer zu verkürzen, um schneller voll ausgebildete Lehrkräfte zur Verfügung zu haben?

Der Föderalismus sorgt dafür, dass jedes Bundesland das individuell regeln kann und damit Abstimmungs­prozesse sehr lange dauern können. Einige Länder haben schon vor längerer Zeit auf zwölf Monate verkürzt, andere halten an 18 oder sogar 24 Monaten fest. Wenn sich alle auf zwölf Monate einigen, würde auch das sehr helfen. Es sollte aber mit einer besseren Verschränkung von Theorie und Praxis einhergehen. Es gibt weitere Stell­schrauben, doch an denen hätte man schon vor längerer Zeit drehen müssen.

Woran denken Sie dabei?

Ein dualer Master wäre in Bezug auf das verkürzte Referendariat interessant. Das Lehr­amts­studium muss meines Erachtens grundsätzlich hinter­fragt werden. Dazu gehört für mich, mehr Lehrer:innen auszubilden, die in der Lage sind, einen Fächer­verbund wie etwa Natur­wissenschaften zu unterrichten, statt nur in einer einzelnen Natur­wissenschaft ausgebildet zu sein. Außerdem: mehr Praxis­input, weniger Prüfungen, was den Druck für die Studierenden heraus­nehmen und zugleich mehr Raum für das pädagogischen Arbeiten und das Unterrichten­lernen lassen würde.

Sollten die Hochschulen oder die Lehrerverbände nicht auch offensiver Werbung für das Lehramts­studium machen?

Das schadet nie, aber die Bewerberzahlen sind aus meiner Sicht nicht das Problem. Die Hochschulen leiden eigentlich nicht unter mangelnden Bewerber:innen für das Lehramt, sondern darunter, dass viele sich während des Studiums frustriert umorientieren – und lieber doch nicht Lehrer:in werden wollen.