ZEIT für X

„Es ist wichtig, schon Mädchen zu ermutigen, das Wort zu ergreifen“

04. Mai 2022

Wiebke Ankersen, Geschäfts­führerin der AllBright Stiftung, verrät, warum in der Schule mit Gleich­berechtigung begonnen werden muss, welche Stereotype Deutschlands Bildungs­entscheider:innen dringend überwinden müssen und von welchem Land wir noch viel lernen können.

von Sally Wilkens, Studio ZX

Studio ZX: Frau Ankersen, als Geschäftsführerin der AllBright Stiftung sind Sie Expertin dafür, wie wir weibliche Führungs­kräfte zum Erfolg coachen. Aber was können schon Schulen in Deutschland dafür tun, dass Mädchen häufiger in Führungs­positionen kommen?

Wiebke Ankersen: Ich bin eigentlich nicht so sehr Expertin dafür, Frauen zum Erfolg zu coachen, sondern dafür, wie Organisationen dafür sorgen können, dass Frauen dort tatsächlich dieselben Chancen bekommen wie Männer. Frauen sind gut, so wie sie sind. Sie müssen nicht für ein traditionell männlich geprägtes Umfeld optimiert werden, sondern das Umfeld muss sich ändern, muss sich weiter­entwickeln, sodass es gut und gerecht für alle wird und nicht nur männliche Verhaltens­muster belohnt werden. Nur so können wir erreichen, dass wirklich die Besten und Geeignetsten in die entscheidenden Positionen kommen.

Frauen sind gut, so wie sie sind.

Wiebke Ankersen, Geschäftsführerin der AllBright Stiftung

Mädchen schneiden ja in der Schule und im Studium sehr gut ab, wo die tatsächlichen Leistungen im Mittelpunkt stehen. Sie sind aber meist nicht gut vorbereitet auf die Wirklichkeit danach, in den Unternehmen und Organisationen, wo dann plötzlich ganz andere Dinge honoriert werden als nur gute Leistung: raumgreifendes Auftreten, die richtigen Netzwerke, ständige Präsenz am Arbeits­platz und außerdem eine nicht objektive Beurteilung. Frauen werden viel mehr infrage gestellt, und Männern wird die Führung eher zugetraut – auch heute noch.

Das größte Problem, mit dem Frauen auf dem Karriereweg kämpfen, sind tatsächlich stereotype Rollen­vor­stellungen. Die gesellschaftliche Erwartungs­haltung – und die heißt in Deutschland zurzeit „Er macht Karriere, sie verdient ein bisschen was hinzu“ – hat großen Einfluss auf die individuellen Entscheidungen. Stereotype nicht zu bedienen oder zu belohnen ist deshalb schon in der Schule super­wichtig.

Frauen werden viel mehr infrage gestellt, und Männern wird die Führung eher zugetraut – auch heute noch.

Wiebke Ankersen, Geschäftsführerin der AllBright Stiftung

Vorhandene Stereotype beeinflussen häufig auch das Verhalten der Lehrkräfte und somit die Selbst­wahrnehmung der Mädchen. Zum Beispiel nach dem Motto „Mädchen sind fleißig, Jungs können sich besser durchsetzen“. Was braucht es, um lang­fristig gegen­zu­steuern?

Ich habe drei Töchter in der Schule. Eine erzählte gerade, der Vertretungs­lehrer sei in die Klasse gekommen mit den Ansagen „Die Jungs gehen Fußball spielen, die Mädchen können malen“ und „Ich brauche hier mal einen Jungen, der mir das Whiteboard in Ordnung bringt“. Mit so was werden völlig veraltete Rollen­vorstellungen weiter zementiert, das darf in der Schule einfach nicht mehr vorkommen. Es muss Teil der Lehr­kräfte­ausbildung sein, dort eine fest verankerte Sensibilität zu schaffen. Und das gilt vielleicht sogar noch mehr für die Erziehenden in den Kindergärten.

Es ist wichtig, schon Mädchen in der Schule zu ermutigen, das Wort zu ergreifen, ihre Ideen durch­zu­setzen, indem man eine Atmosphäre schafft, in der sie das genauso gerne tun wie Jungen. Das ist die Aufgabe der Lehrkräfte. Und dazu gehört es, dass man auch den „durch­setzungs­starken“ Jungs beibringt, zuzuhören und an­zu­erkennen, was ein guter Vorschlag ist – auch dann, wenn er vielleicht nicht so schnell oder so laut vor­gebracht wurde wie ihrer.

Wie beurteilen Sie Aktionen in Deutschland wie den Girls‘ and Boys’Day, an denen Mädchen und Jungen in typische Männer­berufe – Stichwort klischee­freie Berufs­orientierung – rein­schnuppern?

Wir finden das super, weil es so konkret ist. „You can be what you can see“: Vorbilder sind unheimlich wichtig für unsere Wahrnehmung, gerade bei Kindern. Es ist gut, wenn sie praktisch mit konkreten Jobs in Berührung kommen und dort, wo noch wenige Frauen sind, andere Frauen sehen. Damit wird so ein Job für sie grundsätzlich greifbar und möglich.

© Sandra Steh

Dr. Wiebke Ankersen, geboren in Hamburg, führt als Geschäfts­führerin seit 2016 gemeinsam mit Christian Berg die AllBright Stiftung in Berlin. Die in Hamburg geborene Skandinavistin hat fast zwanzig Jahre für schwedische Organisationen in Deutschland gearbeitet, zuletzt als Presse­attachée an der Schwedischen Botschaft in Berlin.

Durch die Frauenquote hat sich endlich einiges getan in deutschen Vorständen, was die Gleich­berechtigung angeht. Aber wie umfassend ist dieser Prozess des Wandels im deutschen Bildungs­system angekommen?

Nur etwa jede vierte Professur ist heute in Deutschland mit einer Frau besetzt. In den Schulen sieht es dagegen genau umgekehrt aus: Dort sind drei Viertel der Lehrkräfte Frauen. Diese ungleiche Verteilung hat sehr viel mit sicheren und planbaren Arbeits­verhältnissen zu tun, und die sind in der Regel an den Schulen gegeben. An den Unis dagegen sehen wir gerade in der Familien­bildungs­phase oftmals schwierige Arbeits­bedingungen mit unsicheren kurzen Zeit­verträgen und hohem Druck, viel zu publizieren. Das ist für Frauen mit Kinder­wunsch oder mit kleinen Kindern besonders schwierig, denn sie haben nur selten Männer, die ihnen da den Rücken freihalten. In der Folge sehen wir viele Frauen, die sich ein anderes Wirkungsfeld als die Uni suchen – und bei denen, die an der Uni bleiben, über­durch­schnittlich viele kinderlose.

Nur etwa jede vierte Professur ist heute in Deutschland mit einer Frau besetzt.

Wiebke Ankersen, Geschäftsführerin der AllBright Stiftung

Ihre Stiftung setzt sich für mehr Diversität in den Führungs­gremien der Wirtschaft ein – mit Sitz in Stockholm und Berlin. Was kann das deutsche Bildungs­system bei diesem Thema von dem schwedischen oder auch von anderen lernen?

In Schweden ist der Arbeitsalltag auch der Führungs­kräfte konsequent auf Menschen zugeschnitten, denen niemand zu Hause den Rücken freihält. Es gibt kein Ehe­gatten­splitting, deshalb arbeiten Frauen in der Regel in Vollzeit oder vollzeitnah, und „Dual Career“ ist die Regel. Da also alle arbeiten und gleich­zeitig ihre Kinder versorgen müssen, haben sich menschlichere Arbeits­bedingungen entwickelt, von denen auch die Männer profitieren. Es gibt eine gesündere Work-Life-Balance, nach 16 oder 17 Uhr muss niemand erreichbar sein. Dass schon viel mehr Frauen mit­gestalten, erzeugt eine andere Dynamik: Was in Deutschland oft noch als „Gedöns“ abgetan wird, sind dort längst selbst­verständliche Ziele. Dazu gehören auch die bessere Ausbildung bei den Pädagog:innen und eine größere Sensibilität bei Geschlechter­klischees.