ZEIT für X
Plakat im Wald

Impulse des Monats – von gedruckten Schulen und echten Vulven

02. September 2022

Welche Ideen haben das Potenzial, zum Trend zu werden und unser Miteinander zu verändern? Und was können Unternehmen, Politik und Zivil­gesellschaft daraus lernen? Eine Auswahl neuer Ansätze für die Bildungs­landschaft.

von Anna-Lena Limpert, Studio ZX

Trends kommen und gehen, das liegt in der Natur der Sache. Aber manchmal kann aus einem Trend echter Wandel werden, der lang­fristig für Veränderung sorgt. Vor allem dann, wenn viele Menschen von den Ideen dahinter profitieren. In dieser Reihe stellen wir einmal im Monat genau solche Lösungen vor: drei Initiativen, Ideen, Gründungen oder Forschungs­ergebnisse, die inspirieren.

Hallo Siri? Hallo Maus!

Digitale Sprachassistenten sind zu einem festen Bestandteil unseres Alltages geworden. Die beliebteste Technologie: Alexa von Amazon. Aber wer weiß, wie lange noch, denn sie bekommt bald namhafte Konkurrenz: Um auch Kinder an die Nutzung smarter Assistenten heran­zu­führen, will der West­deutsche Rundfunk (WDR) die App zur „Sendung mit der Maus“ um eine Sprach­erkennungs­soft­ware ergänzen. Laut WDR soll die Stimme der Maus den jungen Nutzer:innen ab 2023 beim Navigieren durch die Spiele-App assistierend zur Seite stehen. Der Prototyp der sprach­gesteuerten App „Hallo Maus!“ wurde bereits auf der diesjährigen re:publica vorgestellt. Da Kinder­stimmen von gewöhnlichen Sprach­soft­wares nur selten erkannt werden, arbeitet der WDR bei der Entwicklung mit dem Fraunhofer Institut zusammen. Gemeinsam trainieren sie die Software extra für die Stimmen der Zielgruppe.

Mit der Weiterentwicklung der App werden schon die Kleinsten an mediale Möglichkeiten heran­geführt, die sie sonst meistens nur bei Personen aus ihrem Umfeld beobachten. Im Rahmen der gewohnten Maus-Welt können sie die technische Neuheit gleich­zeitig in einer für sie sicheren und kind­gerechten Umgebung ausprobieren.

Schulen aus dem 3-D-Drucker

Über 250 Millionen junge Menschen weltweit haben keinen Zugang zu Bildung, schreibt die NGO Thinking Huts auf ihrer Website. Unter anderem deshalb, weil der Weg zur nächsten Schule zu weit ist – oder es überhaupt keine Schule in der näheren Umgebung gibt. Das soll sich ändern, und zwar mithilfe von 3-D-Druckern: Thinking Huts möchte 3-D-gedruckte Schulen in bedürftigen Regionen weltweit bereit­stellen. Die erste Schule hat der Drucker bereits in rekord­verdächtiger Geschwindigkeit ausgespuckt: Die Wände des Gebäudes waren laut der gemein­nützigen Organisation in 18 Stunden gedruckt, den Rest des Hauses haben Bauarbeiter:innen innerhalb von drei Wochen ergänzt. Die Schule steht in Fianarantsoa, einer Stadt im Südosten Madagaskars, und bietet Platz für rund 30 Schüler:innen. Ein Beispiel dafür, wie neue Technologien für die Bekämpfung gesellschaftlicher Miss­stände eingesetzt und der ungleiche Zugang zu Bildung zumindest auf physischer Ebene vergleichs­weise schnell verändert werden kann.

Die nackte Wahrheit

Was haben die Bilder einer halbierten Grapefruit, einer Muschel oder einer zarten rosa­farbenen Blüte gemeinsam? Sie alle werden stell­vertretend zur Darstellung von Vulven verwendet. Das Problem daran: Keine einzige Vulva der Welt sieht so aus. Mit ihrer „The Truth, Undressed“-Kampagne wollen die Bayer-Marke Canesten und AnalogFolk, eine Agentur aus England, mit irre­führenden Bildern des weiblichen Genitals aufräumen und das scham­behaftete Gefühl ihm gegenüber bekämpfen. Die Kampagnen­seite liefert wissenschaftliche Fakten und echte Bilder zu Aussehen und Anatomie von Vulven und Vaginen. Und zwar ohne „ulkige Namen, Mythen oder Sexualisierung“.

Warum sie das machen? Laut Website finden die beiden Firmen, dass jede:r das Recht darauf hat, die Wahrheit über Vulven und Vaginen zu erfahren – sie sind schließlich ein ganz normaler Teil des Lebens. Die Kampagne bildet nicht nur weiter, sondern ermutigt gleichzeitig, mit gängigen Tabus zu brechen. Das Thema ist essenziell, denn Tabus und daraus resultierende Falsch­information und Scham können einen großen Einfluss auf die psychische und physische Gesundheit haben – auch und gerade von Kindern und Jugendlichen.