ZEIT für X

Gegenhalten statt aushalten

06. Oktober 2022

Djenabou Diallo-Hartmann tritt in Garbsen/Wedemark für die Grünen bei der nieder­sächsischen Land­tags­wahl an. Hier erzählt sie vom Wahlkampf, persönlichen Meilen­steinen und politischen Zielen.

von Luca Pot d’Or, Studio ZX

Wahlkampf. Das bedeutet für mich, am Wochenende unzählige Wahlplakate im ganzen Stadt­teil auf­zu­hängen, an Türen zu klopfen, Menschen zu über­zeugen, Interviews zu geben, aber auch Gegen­wind auszuhalten. Gerade erst wurde unser neues Parteibüro unweit von meinem Wohnort mit Fäkalien beschmutzt. Das ist krass, und es macht mir Angst, weil es deutlich macht, wozu hass­erfüllte Menschen fähig sind. Aber ich habe mir gesagt, dass ich mich vom Hass nicht zum Schweigen bringen lasse. Jetzt erst recht nicht!

Djenabou Diallo-Hartmann-1
© Luca Pot d'Or

Djenabou Diallo-Hartmann kam in Guinea zur Welt und zog fürs Studium nach Deutschland. Nach Stationen in Halle und Leipzig lebt sie seit 2007 in Hannover. Dort ist sie in die Partei Bündnis 90/Die Grünen eingetreten, für die sie nun bei der nieder­sächsischen Land­tags­wahl antritt. Unter­stützt wird sie dabei von der Initiative Brand New Bundestag, die eine progressive, zukunfts­orientierte Politik fördert.

Am 9. Oktober ist Land­tags­wahl in Niedersachsen. Als Kandidatin der Grünen stehe ich für meinen Wahlkreis Garbsen/Wedemark auf Listen­platz 15. Dabei unter­stützt mich auch die Initiative Brand New Bundestag (BNB). Seit dem letzten Jahr bin ich Mitglied des BNB – ich musste mich mit einem umfang­reichen Formular bewerben und mich und meine Visionen digital vorstellen. Dass sich neben drei anderen Kolleg:innen aus Nieder­sachsen auch für mich entschieden wurde, macht mich sehr stolz. Und es zeigt mir, dass ich mit meiner Politik einen Nerv treffe.

Ich würde meine Politik als jung, mutig und gerecht beschreiben. Sozial-ökologische Transformation, Diversität, Nach­haltigkeit und die Vereinbarkeit von Familie und Beruf sind meine Kernthemen. Um hier für mehr Gerechtig­keit zu sorgen, schrecke ich auch vor Konflikten nicht zurück. Meine Partei­kolleg:innen würden das sicherlich so unter­schreiben, aber gerade für mich – als schwarze Frau mit ausländischen Wurzeln – gehört das dazu. Das habe ich früh gelernt.

Es braucht Menschen wie mich. Menschen, die für eine moderne, nach vorn gerichtete Politik stehen.

Mit gerade einmal 20 Jahren kam ich als Studentin aus meiner Heimat im west­afrikanischen Guinea nach Halle an der Saale. Die Erfahrungen dort waren die schlimmsten meines Lebens. Ich habe Rassismus in der Straßen­bahn und in Behörden erlebt, habe mich nicht getraut, nach Einbruch der Dunkelheit allein raus­zu­gehen. Zum Lernen sind wir in die Bibliothek nur als Gruppe gegangen. Ich fühlte mich nicht willkommen und hatte Angst. Und doch wollte ich mich davon nicht brechen lassen.

Als ich für mein Politikstudium im Jahr 2007 nach Hannover kam, habe ich mich sofort wohl­gefühlt. Dann kam mein Sohn zur Welt. Ich war über­glücklich und traurig zugleich, weil ich wusste, dass mein Kind wahrscheinlich ähnliche Erfahrungen machen würde wie ich. Das war der Punkt, an dem ich erkannt habe, dass ich aktiv werden muss. Dass ich nicht länger aushalten, sondern gegen­halten muss. Und dass ich das Land und die Stadt, die inzwischen meine Heimat geworden sind, mitgestalten möchte.

Wahlwerbung von Djenabou Diallo-Hartmann-1
© Luca Pot d'Or Visitenkarten und Flyern gehören auch bei Diallo-Hartmann zum Repertoire im Wahl­kampf.

2012 bin ich bei den Grünen eingetreten. Auch andere Parteien habe ich mir angeschaut, aber die Grünen haben einfach am besten zu meiner Vorstellung von Politik gepasst. Und mein Motto war: Ganz oder gar nicht! Schon 2015 wurde ich in den Landes­vorstand der Grünen gewählt. Eigentlich wird man dafür vorgeschlagen, wenn man sich ein Netzwerk aufgebaut hat. Darauf hätte ich lange warten können. Deshalb habe ich viele Kolleg:innen in Einzel­gesprächen von mir über­zeugen können und mich selbst zur Wahl aufgestellt – mit Erfolg.

Doch ich habe auch schnell gemerkt, dass es in der Politik und in meiner Partei kaum Menschen wie mich gibt. Menschen mit Migrations­geschichte machen mittler­weile ein Viertel der deutschen Bevölkerung aus, bei unter 18-Jährigen sind es rund ein Drittel. In der Politik ist dieses Verhältnis aber nicht abgebildet. Ob im Stadtrat in Hannover, im nieder­sächsischen Landtag, im Bundestag oder in unserer Partei: In Sachen Vielfalt ist noch deutlich Luft nach oben.

Zwar ziehe ich auch viel Energie aus meinen schlechten Erfahrungen und aus meiner Wut, weil ich es besser machen möchte. Doch die beste Bestätigung ist der Erfolg.

Für die Grünen in Niedersachsen haben wir deshalb – auch auf meine Initiative hin – 2019 beschlossen, dass wir uns als Partei überall und vor allem in den Führungs­gremien diverser aufstellen möchten. Als die Mitglieder dafür stimmten, hatte ich Tränen in den Augen. Das war wahrscheinlich mein größtes Erfolgs­erlebnis und hat mich in meinem Weg bestärkt. Zwar ziehe ich auch viel Energie aus meinen schlechten Erfahrungen und aus meiner Wut, weil ich es besser machen möchte. Doch die beste Bestätigung ist der Erfolg.

Umso gespannter bin ich auf die anstehende Wahl. In den Landtag zu kommen, das wäre für mich der lang ersehnte Schritt. 2017 hat es noch nicht geklappt – dieses Jahr soll es so weit sein. Es freut mich, wie viel Unter­stützung und Zuspruch ich bisher von allen Seiten bekomme. Auch der BNB hat mich supportet, und zwar tat­kräftig. Mit vier Freiwilligen bin ich sinnbildlich um die Häuser gezogen: Wahlkampf an der Haustür. Das ist hier am Stadtrand von Hannover immer noch ein wirksames Mittel. Hoffentlich zahlt sich das alles aus, denn ich bin der Meinung, dass es Menschen wie mich braucht. Menschen, die für eine moderne, nach vorn gerichtete Politik stehen. Die für mehr Gerechtigkeit kämpfen. Und egal wie die Wahl ausgeht, eines kann ich versprechen: Genau das werde ich!

In dieser Reihe begleitet die Redaktion von ZEIT für Demokratie zwei Politiker:innen, die von der Initiative Brand New Bundestag unterstützt werden, und lässt sie von ihrem politischen Alltag erzählen. Die Meinungen der vorgestellten Personen spiegeln nicht die Meinung der Redaktion wider.