ZEIT für X
trockene rissige Erde

Psychologists for Future – was tun bei Klima-Angst?

17. August 2022

Immer mehr Menschen fühlen sich durch die Klima­krise bedroht. Die „Psychologists for Future“ wollen Perspektiven und Bewältigungs­strategien aufzeigen. Im August erscheinen gleich zwei neue Bücher.

von Kristina Kara, Studio ZX

Lea Dohm und Katharina van Bronswijk sprechen für die Initiative „Psychologists for Future“. Deren Mission ist es, psycho­logisches und thera­peutisches Fachwissen in den Umgang mit der Klimakrise einzubringen. So soll auch eine nachhaltige Zukunft gefördert werden. ZEIT für Klima hat die beiden zu ihrer Arbeit und ihren Erkenntnissen für die Wirtschaft befragt.

Studio ZX: Die „Psychologists for Future“ haben 2019 zueinander­gefunden. Wie kam es zur Gründung der Initiative, und wo steht sie aktuell?

Lea Dohm: Alles hat damit angefangen, dass wir als kleine Gruppe von Kolleg:innen eine Stellung­nahme zu den Zusammen­hängen von Klimakrise und Psychologie formuliert und uns damit kurz vor der Europawahl 2019 öffentlich an die Seite der „Fridays for Future“-Bewegung gestellt haben. Die Kollegschaft reagierte darauf erfreu­licher­weise mit reger Unterstützung, und unser Dokument wurde schließlich europaweit von rund 4.500 Psycholog:innen unterzeichnet. Für eine Berufsgruppe, die sich grundsätzlich eher als weniger politisch definiert, war das geradezu fulminant. Von da an sind wir organisch weiter­gewachsen und haben erste Strukturen ausgebildet. Bis zur Vereins­gründung Anfang 2022 war es dann noch mal ein weiter Weg.

Lea Dohm
© privat

Lea Dohm hatte viele Jahre lang eine eigene psychologische Praxis und ist seit August 2022 wissen­schaftliche Mitarbeiterin bei KLUG – Deutsche Allianz Klimawandel und Gesundheit.

Katharina van Bronswijk: Eigentlich hatte ich damit gerechnet, dass die Stellung­nahme ein Rohr­krepierer wird, wie es bei politischen Initiativen von Psycho­therapeut:innen leider häufig der Fall ist. Aber irgendwie hatten wir ein Momentum getroffen. Immer mehr Menschen aus unserer Disziplin haben sich bei uns gemeldet. Zu Anfang haben wir noch mit allen einzeln telefoniert, später haben wir uns über die gängigen Messaging­dienste organisiert. Gemeinsam haben wir beispiels­weise erreicht, dass in die Berufs­ordnung für deutsche Psycho­therapeut:innen auf­genommen wurde, dass wir auch für Gesundheits­prävention zuständig sind, die auf den ökologischen Lebens­grundlagen basiert. Im Klartext heißt das, dass Klimaschutz eine Aufgabe unseres Berufes geworden ist.

Menschen fühlen sich unter Druck gesetzt, als Individuen möglichst gegen die Klima­krise anzugehen, und verstehen nicht, dass dies wirklich nur mit einem System­wandel geht.

Katharina van Bronswijk

Frau van Bronswijk, Anfang August erscheint Ihr neues Buch „Klima im Kopf – Angst, Wut, Hoffnung: Was die ökologische Krise mit uns macht“. Sie beschreiben darin, wie die Klimakrise und die notwendige gesell­schaftliche Trans­formation in unsere Identität eingreifen. Was macht die Klima­katastrophe mit uns?

Katharina van Bronswijk: Die Reaktionen sind sehr unter­schiedlich. Sie reichen von der Leugnung über den Trotz bis hin zur Depression. Ein Großteil der Bevölkerung in Deutschland hat ein grundsätzliches Bewusstsein dafür, dass wir ein Problem haben. Viele sehen aber den eigenen Handlungs­spielraum nicht und sehen die Politik oder die Wirtschaft in der primären Verantwortung, etwas zu tun. Oder genau das Gegenteil ist der Fall: Menschen fühlen sich unter Druck gesetzt, als Individuen möglichst gegen die Klimakrise anzugehen, und verstehen nicht, dass dies wirklich nur mit einem System­wandel geht. Darum versuchen sie, möglichst klima­freundlich zu agieren, ohne das nötige große Ganze zu sehen.

Katharina van Bronswijk
© A. Boemann

Katharina van Bronswijk ist als psychologische Psycho­therapeutin in der Lüneburger Heide niedergelassen und unter anderem bei Greenpeace aktiv.

Frau Dohm, auch Sie bringen im August ein neues Buch heraus: „Klima­gefühle: Wie wir an der Umweltkrise wachsen, statt zu verzweifeln“. Sie schreiben darin, dass Angst, Trauer und Wut gesunde Reaktionen auf essenzielle Bedrohungen wie den Klimawandel sind. Welche Gefühle veranlassen uns am ehesten dazu, zu handeln?

Lea Dohm: Ich glaube nicht, dass es ein einzelnes Gefühl ist, das man so klar benennen kann. Menschen haben sehr unter­schiedliche Reaktionen. Für einige mögen zum Beispiel Wut und Ärger ein großer Motivator sein: die Empörung darüber, dass etwas so nicht weitergehen kann, kann uns ordentlich Dampf machen und uns so ins Handeln bringen. Der entscheidende Punkt ist meiner Ansicht nach ein anderer: Wir stehen sowohl gesell­schaft­lich als auch individuell gerade an einem ganz wichtigen Punkt. Viele Menschen bemerken, dass ihre individuellen Verhaltens­änderungen nicht so viel bringen wie erhofft. Deshalb ist es wichtig, möglichst vielen Menschen jetzt Handlungs­möglich­keiten auf­zu­zeigen, die darüber hinaus­gehen. Wir haben gesell­schaft­liche Partizipation ein bisschen verlernt und müssen uns diese neu erobern. Die zentrale Frage dabei lautet: Wie können wir uns in Gruppen sinnvoll einbringen und gegen­seitig unter­stützen, um etwas gegen die Klima­krise zu unternehmen?

Viele Menschen bemerken, dass ihre individuellen Verhaltens­änderungen nicht so viel bringen wie erhofft. Deshalb ist es wichtig, möglichst vielen Menschen jetzt Handlungs­möglich­keiten aufzuzeigen, die darüber hinausgehen.

Lea Dohm

Frau van Bronswijk, Sie schreiben: „Ich glaube nicht, dass Wirtschafts­bosse Monster sind, auch wenn ihre Entscheidungen manchmal so anmuten. Ich glaube nicht, dass der Großteil von ihnen gewissenlos ist. Ich glaube, dass ihr Denken auf denselben Narrativen beruht wie unseres. Das bedeutet auch, dass sie dieses Denken genauso verändern können wie wir.“ – Wie lässt sich diese Trans­formation anregen?

Katharina van Bronswijk: Wir unter­schätzen, wie sehr wir Menschen soziale Wesen sind, die sich an Normen halten, die auf verschiedenen Ebenen etabliert wurden. Wenn Unter­nehmen­slenker:innen seit ihrem Einstieg in den Beruf eine bestimmte Art, Entscheidungen zu fällen, vorgelebt bekommen haben, hinter­fragen sie diese nicht. Das ist in der Psycho­therapie genauso. Wir lernen bestimmte Methoden und wenden diese an – bis wir möglicher­weise widerwillig feststellen, dass sie nicht funktionieren. Im Business kann das auch so laufen: Immer mehr Ent­scheider:innen merken, dass es ihnen nicht mehr reicht, den Quartals­vorgaben hinter­her­zu­hecheln und Aktionär:innen zufrieden­zu­stellen. Ihre Ansprüche haben sich verändert, und irgendwie fühlt es sich nicht mehr sinnvoll an, einfach nur finanziell Erfolg zu haben. Sie suchen nach einem anderen Impact. Dann kommen post­materielle Werte ins Spiel, die zu einer Trans­formation führen.

Frau Dohm, Sie schreiben, dass Ihre Arbeit mit Patient:innen sich verändert hat und dass Sie viel schneller als früher Ihren Blick auf die Rahmen­bedingungen und die Strukturen legen, in denen Ihre Patient:innen sich bewegen. Zitat: „Manchmal bin ich dann frustriert, weil mir klar wird, dass ich als Psycho­therapeutin das Grund­problem gar nicht lösen kann.“ Was ist das Grund­problem?

Lea Dohm: Ich würde das gern an einem einfachen Beispiel erläutern: Wir behandeln aktuell viele Menschen aus der Kranken­pflege, die zu uns kommen, weil sie nach den Pandemie­jahren ausgebrannt sind. Ich höre häufig den gleichen Satz: „Ich hätte gern ein dickeres Fell, damit ich mit dieser Arbeits­belastung besser umgehen kann.“ Mich macht das jedes Mal betroffen. Wenn wir uns mit Resilienz beschäftigen, müssen wir einfach anerkennen, dass wir uns an widrige äußere Bedingungen nicht unbegrenzt anpassen können, sondern dass gewisse Strukturen einfach so ungesund sind, dass wir nicht gegen sie antherapieren können. Genauso ist es auch bei der Klimakrise: Auch hier müssen wir die Rahmen­bedingungen so gestalten, dass wir gesund bleiben. Eine andere Chance gibt es nicht.

Cover: Klima im Kopf
© oekom Verlag Katharina van Bronswijk: Klima im Kopf
Angst, Wut, Hoffnung: Was die ökologische Krise mit uns macht
Cover: Klimagefühle
© Droemer Knaur Lea Dohm/ Mareike Schulze: Klimagefühle
Wie wir an der Umweltkrise wachsen, statt zu verzweifeln | Die „Psychologists for Future“ über die psychologischen Folgen der Klimakrise