ZEIT für X
Inklusion am Arbeitsplatz

Inklusion am Arbeitsplatz zahlt sich aus

18. Oktober 2022

Wenn ein Unternehmen mehr als 20 Arbeitsplätze hat, ist es dazu verpflichtet, fünf Prozent davon mit Menschen mit einer Schwerbehinderung zu besetzen. Doch viele Unternehmen tun sich schwer damit. Dabei ist Inklusion ein Asset.

Wenn von Diversity die Rede sei, fehle oft der Aspekt der Inklusion behinderter Menschen, sagt Jill Houghton, Präsidentin Disability:IN. Das Non-Profit-Unternehmen hilft multinationalen Marken dabei, Inklusion voranzutreiben. „Ich glaube, das Thema fehlt in der Diskussion, einfach, weil viele Menschen Vorurteile haben“, meint Houghton.

Dabei stehen Vorurteilen oft Fakten gegenüber, die zeigen, dass sich Inklusion am Arbeitsplatz auszahlt. So rechnet Houghton vor, dass Unternehmen, die sich um Inklusion bemühen, einen 28 Prozent besseren Umsatz haben. Auch aus Marketing-Gesichtspunkten sei Inklusion ein wichtiger Faktor, denn damit würden mehr als eine Milliarde potenzielle Kund:innen weltweit angesprochen.

Eine Studie von Audi und der Universität St. Gallen bestätigt das: Gut geführte inklusive Teams sind in allen Bereichen erfolgreicher – vom geringeren Krankenstand bis hin zu mehr Kreativität. Und natürlich ist Inklusion eine Frage der Mitmenschlichkeit: Teilhabe ist somit eine ethische Verantwortung.

Vorurteile, die nicht stimmen

Fakt ist aber, dass die Erwerbsquote von Menschen mit Behinderung am Arbeitsmarkt bei 44,4 Prozent stagniert, wie das Inklusionsbarometer Arbeit der Aktion Mensch gemessen hat. Obwohl es mittlerweile eine gesetzliche Verpflichtung zur Anstellung von Menschen mit Behinderung gibt, liegt der Anteil der Arbeitgeber:innen, die alle Pflichtarbeitsplätze besetzen, nur bei 39,1 Prozent.

Auch Gregor Demblin, Gründer der Unternehmensplattform myAbility, sieht Vorurteile als ausschlaggebend für die schlechten Zahlen. Im Interview mit kununu, einer Plattform für die Bewertung von Arbeitgeber:innen, sagt er: „Gerade Personen mit offensichtlicher Behinderung werden von Unternehmen und Personalverantwortlichen von vornherein als weniger leistungsfähig eingestuft. Arbeitgeber gehen davon aus, dass höhere Krankenstände zu erwarten sind. Sie haben Angst vor allen möglichen gesetzlichen Regelungen und sind generell unsicher, wie sie richtig mit ebenjenen Personen sprechen und umgehen sollen. Teilweise sind das schon rationale Bedenken, aber ein Großteil sind unterbewusste Vorurteile, die so einfach nicht stimmen.“

MyAbility ist ein Social Enterprise, das Unternehmen auf dem Weg zu einer inklusiven Unternehmenskultur begleitet. MyAbility hat das größte deutschsprachige Unternehmensnetzwerk zum Thema Inklusion und unterstützt Studierende und Absolvent:innen bei ihrem Einstieg ins Berufsleben.

Dabei lassen sich viele dieser Vorurteile schnell entkräften. Beispiel Leistungsfähigkeit. Eine Statistik der Bundesagentur für Arbeit von 2018 zeigt, dass 60 Prozent der arbeitssuchenden Menschen mit Behinderung ein Studium oder eine Berufsausbildung abgeschlossen haben. Gerade in Bezug auf den immer drängender werdenden Fachkräftemangel bietet diese Gruppe von Bewerber:innen also ein hohes Potenzial.

Und die Suche und Einarbeitung einer Fachkraft ist zeit- und kostenintensiv, das sollte in die Rechnung miteinbezogen werden. Auch vermeintlich hohe Kosten für die Umrüstung eines Arbeitsplatzes fallen nicht so hoch ins Gewicht, wie oftmals angenommen wird. Denn meist reichen einige organisatorische Umstrukturierungen, bei einer notwendigen Umrüstung unterstützt das LVR-Inklusionsamt finanziell.

“Die Mitarbeitenden sind die größte Ressource”

Wer sich als Unternehmen für mehr Inklusion entscheidet, kann also mit handfesten Vorteilen rechnen. Dazu bedarf es allerdings auch einer gemeinschaftlichen Anstrengung. Jill Houghton betont, dass es wichtig sei, dafür behinderte Menschen mit an Bord zu holen. Bestenfalls in einer eine Führungsposition. „Nothing about us without us“ sollte dabei das Motto sein. „Die Mitarbeitenden sind die größte Ressource“, erklärt Houghton weiter und verweist auf eine Arbeitsgruppe bei Google, mit deren Hilfe neue Produkte für Menschen mit Behinderung wie Live Transcribe oder Live Captions entwickelt wurden. Auch Schulungen seien sehr wichtig, damit eine integrative Kultur im Unternehmen aufgebaut werden kann.

Denn das Thema Inklusion behinderter Menschen werde oftmals nur sehr zögerlich angegangen, viele Menschen hätten Berührungsängste. Dabei sei es so wichtig, Inklusion als Teil der Anstrengung um mehr Diversity zu sehen, wie sie im Gespräch mit Business Insider betont: „Ich glaube, das Schöne daran ist, dass Behinderung nicht diskriminiert. Menschen mit Behinderung sind Frauen, PoCs, LGBTQ. Jede:n kann es treffen.“

Tipps für Sie

  1. Sie kennen Ihr Unternehmen am besten – es gibt keine One-fits-all Lösung. Gehen Sie das Thema Behinderung strategisch an und planen Sie langfristig!
  2. Sie sind nicht allein – vernetzen Sie sich mit anderen Unternehmen (zum Beispiel über das myAbility Wirtschaftsforum).
  3. Bewusstsein für das Thema ist der erste Schritt: Sensibilisieren Sie Ihre Mitarbeitenden! Wer Bescheid weiß, erlangt Selbstbewusstsein und Sicherheit im Umgang mit dem Thema Behinderungen.
  4. Behinderungen treten überall auf und sind ganz unterschiedlich.
    Viele Unternehmen denken zuerst daran, Menschen mit Behinderung zu rekrutieren, um das Thema Inklusion anzugehen. Doch ein Großteil aller Behinderungen ist unsichtbar und Menschen mit Behinderung wahrscheinlich schon Teil Ihres Unternehmens.
    Und: Viele Behinderungen werden erst im Laufe des Erwerbslebens erlangt. Die Gruppe Ihrer bestehenden Mitarbeitenden anzusehen, ist also genauso wichtig wie inklusive Konzepte für neue Talente zu gestalten.
  5. Bleiben Sie positiv und geduldig! Wir von myAbility haben viele Unternehmen auf ihrem Weg zu einer inklusiveren Unternehmenskultur begleitet, die Herangehensweisen waren ganz unterschiedlich. Was alle erfolgreichen Inklusionskonzepte eint, ist das Dranbleiben, oft gesetzte Erinnerungen und Maßnahmen zur nachhaltigen Verankerung des Themas im Unternehmen.Wenn auch Sie ein Inklusionskonzept für Ihr Unternehmen ausarbeiten wollen, wenden Sie sich gerne für ein kostenloses Beratungsgespräch bei myAbility.