ZEIT für X

„Wir haben neue Leute in der Ukraine eingestellt“

01. April 2022

Seit dem russischen Einmarsch in der Ukraine befinden sich Hunderte Mit­arbeitende des Kölner IT-Unternehmens Avenga auf der Flucht. Wie managt CEO Jan Webering diese Krise?

von Carolin Simon, Studio ZX

Um dem Mangel an IT-Fachkräften entgegenzuwirken, setzen viele Firmen auf Enwickler:innen aus der Ukraine. Renommierte technische Hochschulen aus Kiew, Charkiw oder Lwiw bringen hier Talente in den Bereichen App-, Platt­form­entwicklung oder Cloud-Computing hervor. Beim Kölner IT-Unternehmen Avenga stammen von den insgesamt 4.000 Mitarbeitenden rund 1.200 aus der Ukraine.

Studio ZX: Herr Webering, woher kommen Ihre ukrainischen Mitarbeitenden, und wo befinden sie sich aktuell?

Jan Webering: Ein Großteil, etwa 700, stammt aus dem Umkreis von Lwiw in der Westukraine. Viele kamen in den letzten Wochen auch aus Kiew und Charkiw, sie haben wir früh evakuiert. Momentan befinden sich immer noch Mitarbeitende auf dem Weg gen Westen, einige Hundert haben wir in Polen untergebracht, auch in Deutschland sind inzwischen die ersten angekommen. Wir haben schon im September letzten Jahres Räume für den Fall einer Evakuierung gesucht.

Wir haben gesehen, dass Truppen aufmarschiert sind. Als der Angriff kam, erhielten rund hundert unserer Mitarbeiter:innen in der Ukraine Anweisung, unseren Plan umzusetzen.

Sie haben also schon früher mit dem Angriff gerechnet?

In der Ukraine herrscht bereits seit 2014 Krieg. Wir im Westen haben das verdrängt. Bei Avenga waren wir aber informiert. Wir haben gesehen, dass Truppen aufmarschiert sind. Wir haben früh ein dezentrales Informations­system aufgebaut. Als der Angriff kam, erhielten rund hundert unserer Mitarbeiter:innen in der Ukraine Anweisung, unseren Plan umzusetzen. Diese Personen haben dann ihre Teams informiert und Evakuierungen angestoßen.

Wie geht es Ihren Fachkräften vor Ort?

Unsere Mitarbeitenden sind aktuell eher froh, dass der Job noch eine Konstante ist. Das Geschäft geht weiter. Wir haben in der letzten Woche sogar 20 neue Leute in der Ukraine eingestellt.

Sie sehen, wie sich die ukrainische Bevölkerung gegen diese russische Aggression stellt. Mit diesem Drive arbeiten sie auch.

Wie erleben Sie zurzeit die ukrainischen Talente?

Sie sehen, wie sich die ukrainische Bevölkerung gegen diese russische Aggression stellt. Mit diesem Drive arbeiten sie auch. Hinzu kommt, dass der Job für sie momentan eine der wenigen Konstanten ist. Es ist nicht so, dass gerade jede:r kämpft. Unsere Mitarbeitenden sitzen in Waldhäusern und Hotels, dort fällt ihnen die Decke auf den Kopf. Der Job ist da eine sinnvolle Ablenkung. Jetzt ist Payback-Time.

Was meinen Sie mit Payback-Time?

Wir engagieren uns finanziell und zahlen unbürokratische Hilfsgelder. Außerdem kümmern wir uns um Evakuierungen und übernehmen Kosten für Über­nachtungs­plätze. Alles, was irgendwo erforderlich ist, wird getan. Das geht bis zu Ultra­schall­geräten, die wir für Ärzte­teams erworben haben. Wir haben außerdem einen Verein gegründet, mit dem wir die Flut an Hilfen länger­fristig koordinieren möchten. Wir haben ein gutes Netzwerk in der Ukraine. So können wir vor Ort mit dem helfen, was nötig ist, etwa mit psychologischer Betreuung, fehlenden Lebens­mitteln oder Hygiene­artikeln.

Jetzt ist der Zeitpunkt, wo nicht mehr über Werte geredet wird, sondern wo sie gelebt werden müssen.

Sie haben von diesem unglaublichen Drive gesprochen, mit dem die ukrainische Bevölkerung reagiert hat und mit dem Ihre Mitarbeitenden weiterarbeiten. Glauben Sie, das wird Ihre Unternehmenskultur nachhaltig verändern?

Ich glaube schon. Jetzt zeigt sich, welches Unternehmen wirklich für seine Werte einsteht. Alle reden immer von Haltung. Jetzt ist der Zeitpunkt, wo nicht mehr über Werte geredet wird, sondern wo sie gelebt werden müssen. Jetzt wird sich jede:r sehr genau auch überlegen, mit wem er oder sie die nächsten beruflichen Schritte gehen wird. Es gibt Unternehmen, die nur ihre Ergebnisse im Blick haben, die Mitarbeitenden kommen an zweiter Stelle. Ich möchte das nicht.

Denken Sie zu diesem Zeitpunkt denn überhaupt schon über Perspektiven für die Ukrainer:innen nach, die Sie beschäftigen?

Ja, absolut. Wir bauen gerade eine sogenannte Spiegel­organisation in Polen auf, wo wir das ukrainische Unternehmen eins zu eins darstellen. Dort können wir die Personen, die über die Grenze kommen, direkt aufnehmen und Sicherheit, vor allem Social Security, bieten. Wir stellen unseren Beschäftigten frei, ob sie in der Ukraine bleiben und weiter für uns arbeiten oder ob sie das Land verlassen möchten. Wir möchten alle Optionen bieten, denn jedes Schicksal ist individuell.

Jan Webering
© Avenga Jan Webering

CEO Jan Webering leitet seit über zwei Jahren das Kölner IT-Unternehmen Avenga und beschäftigt weltweit 4.000 Mitarbeitende, 1.200 davon stammen aus der Ukraine. In den ersten Tagen nach Kriegsbeginn gründete er den Verein „Avenga hilft“. Die Spenden fließen zu 100 Prozent in humanitäre Hilfe für Ukrainer:innen.

Viele Unternehmen sehen sich mit ähnlichen Heraus­forderungen konfrontiert. Was würden Sie ihnen raten?

Ehrliche und verlässliche Kommunikation. Wir kommunizieren gerade sehr regel­mäßig und offen nicht nur mit den Einzel­personen, sondern global ein- bis zweimal wöchentlich. Wir können diese Situation nur mit offenem Visier meistern und mit einem hohen Grad an Vertrauen, Loyalität und Respekt. Das Gleiche gilt extern: Wir kommunizieren offen mit den Kund:innen und halten das Geschäft aufrecht.

Wie gelingt es Ihnen, so optimistisch zu bleiben?

Wir tun gerade einfach unser Bestes. Es kam uns zugute, dass wir früh einen Plan entwickelt hatten und so direkt ins Tun kommen konnten. Unsere Kolleg:innen in der Ukraine machen es uns vor. Da schließt es sich aus, dass wir nichts tun und grübeln.