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Straßenschild "Rockefeller Plaza"

Family Offices – wie die Rockefellers

13. April 2022
ZEIT Redaktion

Family-Offices verwalten die 200 Milliarden Euro schweren Vermögen deutscher Unter­nehmer­familien – und versuchen dabei, den Negativ­zinsen zu entkommen. Wie sie arbeiten, welche Strategien sie einsetzen und wie viel sie riskieren

Redaktioneller Beitrag aus „ZEIT für Unternehmer Ausgabe 4/2021“

Wie in einem James-Bond-Film gleitet die schwarz glänzende Bürotür von René Köhler auf, sobald er in der Nähe ist. Nur er kann mit dem Signal eines Transponders, den er in seiner Hosen­tasche trägt, in den Raum treten. In seinem Büro oberhalb des Stuttgarter Markt­platzes: Pokale und Urkunden, die ihn als Entrepreneur würdigen. René Köhler hat es geschafft, und daraus macht er kein Geheimnis.

Knapp 15 Jahre leitete Köhler den Online-Handel fahrrad.de. 2017 verkaufte er die meisten Anteile. Für 50 Millionen Euro. Mit dem Geld baute er die Koehler Group auf, ein Family-Office. Family-Offices sind Firmen, die große Privat­vermögen verwalten. Die ersten entstanden im 19. Jahr­hundert in den USA, so etwa das der Rockefellers. John D. Rockefeller war mit Ölgeschäften zum ersten Milliardär der Welt­geschichte geworden – zu viel Geld, um sich alleine darum zu kümmern. Heute beraten Family-Offices Unternehmer und auch ihre Familien, etwa bei Nach­folge­fragen. Das Family-Office der Ottos sitzt in einem Glas­gebäude in Hamburg, die Nachkommen des Industriellen Harald Quandt werden von einem Family-Office in Bad Homburg betreut.

„Die großen deutschen Unter­nehmer­familien haben Family-Offices – alleine oder im Verbund mit anderen“, sagt Andreas Maurer. Für die Boston Consulting Group berät er Familien­firmen, und in einer Studie hat er gezeigt, dass Unter­nehmer­familien von geringeren Kosten und mehr Transparenz profitieren, wenn sie auf Family-Offices statt auf Banken setzen. Sogenannte Multi-Family-Offices bieten ihre Dienste mehreren Familien gleich­zeitig an. Die Management­beratung Investors Marketing schätzt, dass es in Deutschland rund 400 solcher Geld­vermehrungs-Clubs gibt, gemeinsam verwalten sie rund 200 Milliarden Euro. „Viele Unter­nehmer­familien haben gemerkt, dass sie an manche Anlage­formen ohne einen professionellen Vermögens­verwalter nicht herankommen“, sagt Andreas Maurer.

Die großen deutschen Unternehmer­familien haben Family-Offices – alleine oder im Verbund mit anderen

Andreas Maurer

Und in Zeiten von Negativzinsen ist der Druck groß: Wer nicht will, dass sein Geld auf der Bank an Wert verliert, muss sich etwas einfallen lassen. Laut einem Report der Großbank UBS erzielen Family-Offices eine jährliche Rendite von rund 6,3 Prozent – das kann sich sehen lassen. Dabei setzen sie heute aber oft auch auf Private-Equity-Fonds, die ihr Geld als Eigen­kapital in Unternehmen investieren – etwa in junge oder sanierungs­bedürftige Firmen. Was Chancen, aber auch größere Risiken birgt, wie der Frankfurter Finanz­professor Andreas Hackethal sagt.

René Köhler ist noch recht neu in der Welt der Super­reichen. Nach der zehnten Klasse brach er die Schule ab und machte eine Lehre zum Einzel­handels­kauf­mann bei seinem Vater, einem Fahrrad­händler. Im Jahr 2003 gründete Köhler fahrrad.de, da war er 20. Das Unternehmen ist heute Welt­markt­führer für den Online-Handel mit Fahrrädern, Jahres­umsatz: fast 400 Millionen Euro. „Ich habe den E-Commerce nach Stuttgart gebracht“, sagt Köhler. Auf einer Kommode hinter seinem Schreib­tisch reihen sich zwischen Fotos seiner Ehefrau und seiner Kinder bunte Miniatur-Fahrräder.

Nachdem Köhler sein Unternehmen versilbert hatte, umschwärmten ihn Banker und Vermögens­verwalter mit Anlage­strategien. Aber Köhler entschied, sein Geld selbst zu verwalten. Weil er selbst Strategien entwickeln wollte. Nach seinen Worten mit Erfolg: Durch die Koehler Group habe er sein zwei­stelliges Millionen-Vermögen auf ein drei­stelliges vergrößern können. Und das in weniger als fünf Jahren.

Elf Menschen managen Köhlers Anlagen, die er breit gestreut hat, um die Risiken zu minimieren: 37 Prozent seines Vermögens stecken in Unter­nehmens­beteiligungen, 18 Prozent in börsen­notierten Unternehmen und 45 Prozent in Immobilien, etwa in Wohn- und Geschäfts­häusern, in Lager-, Logistik­flächen und Gewerbe­parks. Köhler sagt, er liebe diese Vielfalt.

Die Suche nach dem nächsten großen Deal ist wie in diesen alten Nintendo-Spielen, in denen der Boden hinter einem wegbricht und man immer weiter­läuft, auf der Suche nach dem nächsten Treffer.

René Köhler

Und Köhler hat einen zweistelligen Millionen­betrag in einen eigenen Aktien­fonds gesteckt, in den auch andere einsteigen können. Enthalten sind 30 inter­nationale Technologie­aktien: Apple, PayPal und Facebook etwa. „Tech ist für mich nicht nur eine Anlage­strategie“, sagt Köhler, „Tech ist die Zukunft.“

Köhler will sein Geld aber nicht einfach vermehren. „Ich möchte innovative Ideen voranbringen“, sagt er. Auf seinem Smart­phone zeigt er Bilder mit bekannten Köpfen der Gründer­szene, auf­genommen bei einem Dinner in Saint-Tropez. Ja, sich an jungen Firmen zu beteiligen kann im Total­verlust enden. Aber Köhler hat Spaß am Risiko: „Die Suche nach dem nächsten großen Deal ist wie in diesen alten Nintendo-Spielen, in denen der Boden hinter einem wegbricht und man immer weiterläuft, auf der Suche nach dem nächsten Treffer.“

Wulf-Dietrich Spöring würde Geldanlage niemals mit einem Jump-’n’-Run-Spiel vergleichen. Sein Poloshirt, sein ruhiges Lächeln, die grauen Haare: Alles an dem 67-Jährigen strahlt Verlässlichkeit aus. Spöring ist Vorstands­chef der Bremer Family Office AG. Er und seine drei Kollegen beraten Unternehmer und ihre Familien dabei, wie sie ihr Vermögen anlegen können; 20 bis 30 Mandanten sind es pro Jahr. Zusammen verwaltet die Bremer Family Office AG damit ein dreistelliges Millionen­vermögen.

Spöring findet: Wenn es um Millionen geht, dann kommt es auf Vertrauen an. „Die berühmte Chemie muss stimmen“, sagt Spöring. Bei rund zehn Prozent seiner potenziellen neuen Mandanten komme eine Zusammen­arbeit deshalb nicht infrage. Finanzielle Fragen seien sehr intim, sagt Spöring, deshalb sei es wichtig, sich gut kennen­zu­lernen. Einen Besuch beim Family-Office müsse man sich vorstellen wie den Besuch bei einem Arzt: „Es darf keine Scheu bestehen, sich aus­zu­ziehen“, sagt Spöring.

Auch wenn Vermögensverwaltung trocken erscheine, so sei die Arbeit eines Family-Officers doch sehr emotional, sagt Spöring. In Gesprächen höre er von Interessen und Plänen, die nicht einmal der Lebens­partner der Mandantin kenne. Spöring weiß: „Wenn es um Geld geht, können die besten Familien in Streit geraten oder zersplittern.“

Wenn es um Geld geht, können die besten Familien in Streit geraten oder zersplittern.

Wulf-Dietrich Spöring

Ein gutes Family-Office hilft daher nicht nur dabei, die Interessen zu erkunden und eine transparente Anlage­strategie zu entwickeln. Es bringt auch die verschiedenen Interessen in Einklang, damit es nicht zu Konflikten kommt – etwa wenn ein Familien­mit­glied stirbt und das Erbe ansteht.

An einem Nachmittag im Sommer versucht Swen Bäuml, zukünftige Family-Officer auf solche Situationen vor­zu­bereiten. Er steht in einem Stuttgarter Nobel­hotel an einer elektronischen Tafel, im Halbrund um ihn herum sitzen elf Männer und Frauen. Sie wollen „zertifizierte Family Officer“ werden und haben deswegen den Studien­lehr­gang des Unternehmens Fach­seminare von Fürsten­berg gebucht. 6700 Euro kostet die Weiter­bildung. Unter den Teilnehmern ist zum Beispiel ein Rechts­anwalt, der zukünftig das Vermögen eines wohl­habenden Freundes verwalten will. Ihr Dozent ist Professor für Steuer­recht und betreibt eine Kanzlei. Wer Family-Officer werden wolle, müsse sich nicht nur mit finanziellen, steuerlichen und rechtlichen Fragen auskennen, sondern auch mit Psychologie, sagt Bäuml: „Unser Job ist eine Multi­disziplin.“

Um einen passenden Berater zu finden, sollten Unternehmerinnen sich umhören – fast jeder neue Mandant kommt auf Empfehlung eines anderen, berichten die Berater.

Christopher Schönberger vom Multi-Family-Office Peters, Schönberger & Partner braucht dann immer noch zwischen einem halben und einem Jahr, um einen Mandanten in vielen Gesprächen für sich zu gewinnen. Schon diese Gespräche können für die Kundschaft teuer werden, denn die meisten Family-Offices stellen wie Schönberger Honorare in Rechnung und bekommen keine Provisionen. Das hat den Vorteil, dass keine falschen Anreize entstehen und der Family-Officer das Geld nicht dort anlegt, wo die größte Belohnung für ihn selbst wartet. Allerdings lohnt sich das auch nur, wenn der Einsatz groß genug ist; Schönbergers Mandanten besitzen zumeist Vermögen im ein- bis zwei­stelligen Millionen­bereich.

Viele Kleinunternehmer sind davon weit entfernt – und damit auch von den Anlage­strategien der Family-Offices. Aber es gibt Alternativen. Die digitale Vermögens­verwaltung Liqid etwa ermöglicht, auf Strategien wie die der Quandts zu setzen. Hier sind Anleger mit 100.000 Euro dabei – nicht wenig, aber für kleinere mittel­ständische Unternehmer­familien eher eine Option, sofern sie sich einer erprobten, aber auch mit Risiken behafteten Strategie aussetzen wollen. Mehr als 1,4 Milliarden Euro verwaltet Liqid nach eigenen Angaben inzwischen.

René Köhler aus Stuttgart sieht in der digitalen Vermögens­verwaltung auch eine Chance. Er hat in Moonfare investiert, ein Start-up aus Berlin, das es wie Liqid Privat­anlegern ermöglicht, in Anlageformen zu investieren, die ihnen sonst vorenthalten sind. „Ich stand ja auch einmal am Anfang“, sagt Köhler und schaut sich in seinem geräumigen Büro um. Ihm fällt das kleine Eckzimmer wieder ein, in dem er saß, als sein Online-Fahr­rad­handel startete. „Manchmal“, sagt er, „kann ich gar nicht glauben, wie viel sich seitdem verändert hat.“