ZEIT für X
Aussicht von einem Berg

„Gehen Sie wandern!“

01. April 2022
ZEIT Redaktion

Konstantin Guericke hat das Karriere­netzwerk LinkedIn mit­gegründet und ist seitdem über­zeugt: Meetings hält man am besten an der frischen Luft ab

von Jens Tönnesmann, Redakteur im Wirtschaftsressort, DIE ZEIT, verantwortlicher Redakteur, ZEIT für Unternehmer

Redaktioneller Beitrag aus „ZEIT für Unternehmer, Ausgabe 02/2021“

„Seit 35 Jahren lebe ich jetzt im Silicon Valley und habe in dieser Zeit viele Unternehmer kennen­gelernt. Die guten unter ihnen verbinden zwei Eigenschaften, die auf den ersten Blick gegen­sätzlich scheinen: Sie halten an ihrer Idee fest, auch wenn die nicht auf Anhieb funktioniert. Und sie sind Menschen, die gute Fragen stellen, zuhören und bereit sind, dazu­zu­lernen. Sie sind also fokussiert und veränderungs­willig zugleich.

Die spannende Frage ist: Wie erkennen Sie solche Menschen?

Ich rate Ihnen, was ich seit Jahren tue und auch der Apple-Gründer Steve Jobs gerne getan hat: Gehen Sie mit potenziellen Geschäfts­partnern wandern. Dabei lernen Sie einander auf eine ganz andere Art und Weise kennen. Sie bauen Vertrauen auf, sind kreativer, sortieren Ihre Gedanken und tauschen Ideen aus, die Sie einander in einem Konferenz­raum nicht verraten würden. Sie begegnen sich eher auf Augen­höhe als in einem Büro, in dem schon das Setting eine Hierarchie erzeugen und für Distanz sorgen kann, was es schwer macht, sich offen und ehrlich zu unterhalten.

Konstantin Guericke
© Christoph Dernbach/dpa

Konstantin Guericke ist in den 1980er Jahren aus Nord­deutschland nach Kalifornien gezogen, um in Stanford Wirtschafts­informatik zu studieren. Im Jahr 2002 gründete er im Silicon Valley gemeinsam mit Reid Hoffman das Business­netzwerk LinkedIn. Heute ist er als Mentor und Investor aktiv

Als Reid Hoffman und ich vor fast 20 Jahren das Karriere­netz­werk LinkedIn gegründet haben, saßen wir anfangs oft in einem Café. Bis wir gemerkt haben, dass wir dort zwar viel Essen in uns hinein­geschaufelt haben, aber uns kaum auf unser Projekt konzentrieren konnten. Also fingen wir an, uns draußen zu treffen und Wanderungen zu unternehmen. Ich weiß heute noch genau, wo wir auf welche Idee gekommen sind; die Probleme, die wir damals zu lösen hatten, sind in meinem Gedächtnis quasi räumlich verankert.

Wir hatten zum Beispiel in der Anfangsphase von LinkedIn das Problem, dass prominentere Nutzer mit Anfragen überflutet wurden. Die Gefahr bestand, dass sich diese Nutzer genervt abmelden – also ausgerechnet jene Multiplikatoren, die für unser Netzwerk besonders wichtig waren. Wir waren gerade auf einem Wanderweg namens Stanford Dish Trail unterwegs, als wir unweit der Dish – einer großen Satelliten­schüssel – auf die Idee kamen, wie wir das Problem lösen können: Manche Mitglieder kann man nur noch anschreiben, wenn man ihnen vorher von einem gemeinsamen Bekannten vorgestellt wird. Das bewirkte, dass Multiplikatoren fast nur noch Nachrichten bekamen, die für sie auch relevant waren.

Seitdem gehe ich immer wieder wandern – nie allein, immer mit anderen Unternehmern, Geschäfts­partnern, Studierenden, Mentees. Meine längste Tour führte zu einem Gipfel namens Half Dome im Yosemite-Nationalpark, da waren wir 16 Stunden unterwegs. Daraus ist unsere Gruppe „The Silicon Half Domers“ entstanden, die zweimal im Jahr größere Touren unternimmt; dabei lerne ich auch immer wieder neue Unternehmer kennen.

Unterwegs können Sie übrigens auch leichter persönliche Dinge besprechen. Zum Beispiel die schwierige Frage, ob man weiter zusammen­arbeiten oder lieber getrennte Wege gehen sollte. Auch Konflikte können Sie während eines Hikes gut ansprechen und lösen, denn unterwegs haben Sie Zeit und können auch nicht so leicht gestört werden wie im Büro.

Ein Tipp, wenn Sie vorher nicht wissen, wie viel Zeit Sie wirklich brauchen werden: Suchen Sie sich Routen aus, die Sie abkürzen können, wenn ein Gespräch langweilig wird – und die Sie verlängern können, wenn es interessanter ist als gedacht!

Wichtig: Unter Wandern verstehe ich keinen Spazier­gang durch die Innen­stadt, denn da werden Sie ständig unterbrochen – von Ampeln, dem Lärm, dem Verkehr. Gehen Sie dort wandern, wo Sie ungestört sind. Und selbst wenn am Ende nichts dabei herauskommt, dann haben Sie immerhin etwas erlebt, frische Luft getankt und etwas für Ihre Gesundheit getan.“