ZEIT für X
Diversity Recruiting

„Menschen mit Behinderung werden bei dieser Diskussion oft vergessen“

18. Oktober 2022

Diversity Recruiting ist wichtig. Doch gerade in Sachen Inklusion ist noch viel Aufklärungs­arbeit zu tun. Das Projekt „Inklupreneur“ hilft Start-ups bei einer inklusiven Arbeits­kultur.

Diversity ist zu einem der wichtigsten Themen im Recruiting geworden. Es geht nicht nur darum, den Auswahl­prozess von Mitarbeitenden gerechter für alle zu gestalten. Diversity Recruiting hat auch handfeste Vorteile für Unternehmen. Denn zahl­reiche Studien zeigen, dass ein hoher Grad an Diversity zu mehr Profit, Innovation und einem positiven Employer Branding beiträgt.

Unternehmen haben also gute Gründe, sich um Diversity Recruiting zu bemühen – zumal der Staat dies fordert. Denn Unternehmen mit mehr als 20 Arbeits­plätzen, die nicht fünf Prozent der Stellen mit Menschen mit einer Behinderung besetzen, müssen pro Arbeits­platz und je nach Größe des Unternehmens zwischen 100 bis 300 Euro monatlich zahlen. Im Jahr 2020 kamen so 670 Millionen Euro an Ausgleichs­abgaben zusammen – Gelder, die den Integrations- und Inklusions­ämtern zugute­kommen.

Doch wirkt dieser Druck überhaupt? Die Erwerbsquote nicht­behinderter Menschen liegt bei knapp 82 Prozent, bei Menschen mit Behinderung hingegen bei nur gut 44 Prozent. Nach einer Umfrage der Job-Plattform Monster hat rund die Hälfte der Deutschen noch nie mit einem Menschen mit Behinderung zusammen­gearbeitet. Die Zahlen lassen also zu wünschen übrig.

Inklusion: ein blinder Fleck?

Nils Dreyer möchte an dieser Situation etwas ändern. Er hat das Projekt Inklupreneur ins Leben gerufen, mit dem sein Team Menschen mit Behinderung in Start-ups bringen will. Denn das Problem lässt sich eben nicht einfach nur durch Sanktionen lösen. „Gerade innerhalb der Start-up-Szene ist das Thema Inklusion behinderter Menschen ein blinder Fleck. Diversity ist zwar cool und ein Kernwert in der Kultur­entwicklung. Aber Menschen mit Behinderung werden bei dieser Diskussion oft vergessen“, erklärt Dreyer. Auch von staatlicher Seite aus gebe es einen blinden Fleck: Die Bundes­agentur für Arbeit oder Integrations- und Inklusions­ämter hätten Start-ups noch nicht als Zielgruppe identifiziert: „Kein Start-up würde sich bei der IHK für eine Inklusions­beratung melden. Sie sprechen nicht die gleiche Sprache“, meint Dreyer.

Gerade innerhalb der Start-up-Szene ist das Thema Inklusion ein blinder Fleck. Diversity ist zwar cool und ein Kernwert in der Kultur­entwicklung. Aber Menschen mit Behinderung werden bei dieser Diskussion oft vergessen.

Nils Dreyer, Projektleiter Inklupreneur

An dieser Stelle kommt Inklupreneur ins Spiel. Dort verpflichten sich teil­nehmende Start-ups dazu, Menschen mit Behinderung ein­zu­stellen, und bekommen dabei Unter­stützung. Inklupreneur hilft ihnen, eine Inklusions­strategie aus­zu­arbeiten, gibt Trainings für Bewerbungs­gespräche und stellt den Unternehmen Mentor:innen zur Seite.

Das Ganze ist für Unternehmen kostenlos, denn das Projekt wird seit seinem Start im April 2021 mit staatlichen Mitteln gefördert und läuft in Berlin und Bremen. Derzeit machen knapp 50 Start-ups mit, unter anderem der Kondom­hersteller einhorn, die Lebens­mittel­organisation ProVeg und das Digital­unternehmen für Kfz-Zubehör kfzteile24. „Wir haben Unternehmen im Programm, die im sechs­stelligen Eurobereich Ausgleichs­zahlungen leisten. Das Problem wurde bisher ignoriert“, bedauert Dreyer.

Aufklärungsarbeit ist zentral

Es ist wichtig, Menschen mit Behinderung endlich als Kompetenz­träger:innen wahr­zu­nehmen. Zu den Aufgaben von Inklupreneur gehört also die Aufklärungs­arbeit. Doch Nils Dreyer ist zuversichtlich, dass die Erfolgs­geschichten, die Inklupreneur gemeinsam mit Start-ups schreibt, nach­haltig wirken: „Es ist schön zu sehen, wie die Unternehmen nicht nur neue Mitarbeiter:innen mit Behinderung einstellen, sondern ihr neues Inklusions­wissen auch mit in ihre Produkte einbauen.“ Dabei soll auch der Talentpool helfen: Hier können sich Menschen mit Behinderung als potenzielle Arbeit­nehmer:innen registrieren, Inklupreneur vermittelt sie dann an interessierte Unternehmen.

Neben Berlin und Bremen sind Kooperationen in weiteren Bundesländern geplant. Grundsätzlich gilt die Regel: Bei mehr als zehn Selbst­verpflichtungen („Pledges“) aus einem „neuen“ Bundesland bemüht sich das Team von Nils Dreyer aktiv um eine lokale Finanzierung und Umsetzung.