ZEIT für X
vier Lehrkräfte unterhalten sich

Wie werden deutsche Lehrer­zimmer diverser?

22. August 2022

Deutschland ist divers – bis zur Tür des Lehrer­zimmers. Das Netzwerk Lehr­kräfte mit Zuwanderungs­geschichte NRW setzt sich für mehr Viel­falt in der Bildung ein.

von Carolin Simon, Studio ZX

Studio ZX: Lieber Herr Atasoy, Sie sind seit 2016 Landes­koordinator des Netz­werkes Lehr­kräfte mit Zuwanderungs­geschichte NRW. Sie unter­richten an einer Gesamtschule. Was hat Sie bewogen, dem Netzwerk beizutreten?

Ahmet Atasoy: Als Kleinkind kam ich zusammen mit meiner Mutter aus der Türkei nach Deutschland. Meine eigene Zuwanderungs­geschichte – und die damit verbundenen Erfahrungen – habe ich als Lehrkraft immer als „Plus“ betrachtet.

Ich nahm an der Quali­fizierungs­maßnahme „Inter­kulturelle Koordination in Schulen“ des Netzwerkes teil. In meinem Aus­bildungs­jahrgang fand ich viele Gleich­gesinnte. Auch von der Fortbildung selbst war ich begeistert! Im Vergleich zu staatlichen Maßnahmen herrschte eine harmonische Atmosphäre, und ich fühlte mich verstanden – vielleicht weil ich viele Erfahrungen mit den anderen Teilnehmenden teilte. Nach einem Jahr wusste ich, wie viel Potenzial in diesem Netzwerk steckt.

© C. Jason Rittmeyer

Ahmet Atasoy ist in der Türkei geboren und kam als Kind mit seiner Mutter nach Deutschland. Wegen seiner Zu­wanderungs­geschichte sieht er sich selbst als Lehrkraft „Plus“. Seit 2014 ist er Mitglied des Netzwerkes Lehrkräfte mit Zu­wanderungs­geschichte NRW, dessen Landes­koordinator er seit 2016 ist.

Häufig liegt der Fokus von Schulen auf den Heraus­forderungen, die etwa eine heterogene Schüler­schaft mit sich bringt. Vielfalt kann aber auch eine Chance sein – wo muss ein Umdenken ansetzen?

Diversität an Schulen sollte eigentlich Normalität sein. So weit sind wir aber noch nicht. 2017 war mehr als die Hälfte der neu eingeschulten Kinder in NRW mehr­sprachig – Tendenz steigend, besonders in Ballungs­gebieten. Themen wie Mehr­sprachigkeit, kulturelle und religiöse Vielfalt, Inklusion im engeren Sinne und Diversität müssen im schulischen Kontext fest verankert sein. Wenn Schulen Sprachen, Migrations­geschichten, Religionen und Lebens­weisen nicht ausreichend wert­schätzen oder sogar degradieren, müssen wir uns nicht wundern, dass diese Jugendlichen kein Zugehörig­keits­gefühl aufbauen.

Wenn Schulen Sprachen, Migrations­geschichten, Religionen und Lebens­weisen nicht ausreichend wert­schätzen oder sogar degradieren, müssen wir uns nicht wundern, dass diese Jugendlichen kein Zugehörig­keits­gefühl aufbauen.

Letzten Endes geht es um eine bestimmte Haltung. Und unsere Beobachtungen sowie Berichte unserer Mitglieder zeigen, dass Schul­leitungen Taktgeber für alle schulischen Ent­wicklungs­prozesse sind.

Schätzungen zufolge haben nur etwa fünf Prozent der Lehrenden einen Migrations­hinter­grund. Woran liegt es, dass sich nur wenige Menschen mit Zu­wanderungs­geschichte für den Lehrberuf entscheiden?

Leider gibt es keine konkreten Zahlen zum Anteil der Lehr­kräfte mit Zu­wanderungs­geschichte. Wir schätzen den Anteil in NRW auf etwa zehn Prozent. Im Gegensatz dazu haben an einer Duisburger Schule fast 95 Prozent der Schüler:innen eine Migrations­geschichte. Auch in den Lehrer­zimmern muss sich unsere Gesell­schaft abbilden. Ich vermute, dass die negativen Erfahrungen, die viele in der Schule gemacht haben, sie vom Lehrberuf abhalten. Eine Studie der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft NRW aus 2016 macht aber Hoffnung: Fast jede:r vierte Lehr­amts­studierende in NRW hat eine Migrations­geschichte.

Zwischen 2016 und 2021 haben wir mithilfe des Ministeriums für Wissenschaft in NRW ein landes­weites Mentoring-Projekt entwickelt. Im Rahmen von „Ment4you“ haben wir an fast allen lehrerinnen­bildenden Hochschulen kleine Netzwerke von Mentor:innen aufgebaut. Aktuell läuft das Anschluss­projekt „DiversiTeach“, um migrations­pädagogische Ansätze wie Mehr­sprachigkeit als gewinn­bringende Ressource und Rassismus­kritik systemisch innerhalb der Lehr­kräfte­bildung zu verankern.

Das ist wichtig, da wir immer wieder erfahren, dass Fach- und Seminar­leitenden in diesem Bereich Kompetenzen fehlen. An Hoch­schulen und im Referendariat erfahren viele angehende Lehr­kräfte Diskriminierung und entscheiden sich, die Ausbildung abzubrechen. Ich habe selbst einige von ihnen beraten.

In einer Studie zum Thema „Vielfalt im Lehrer­zimmer“ gaben 22 Prozent der befragten Pädagog:innen an, Diskriminierung und Rassismus im Schul­alltag erlebt zu haben. Wie lässt sich Rassismus im Bildungs­wesen bekämpfen?

Wir müssen anerkennen, dass struktureller Rassismus unsere Gesell­schaft und damit auch unser Bildungs­wesen prägt. Es gibt noch zu viele Menschen, die das leugnen. Die Maßnahmen und Forderungen zur Bekämpfung von Rassismus und Diskriminierung im Schul­kontext sind eigentlich bekannt. Die Frage ist, ob der politische Wille vorhanden ist, um das Problem ernsthaft anzugehen.

Ich würde mir wünschen, dass mehr konkrete Maßnahmen umgesetzt werden. Rassismus­kritische Ansätze gehören in Fort- und Aus­bildungen für Lehrkräfte. Auch die Schul­leiter­qualifizierung sollte um rassismus­relevantes Wissen erweitert werden. Einige Schulbücher müssen auch kritisch analysiert und letzt­endlich überarbeitet werden. Ich wünsche mir außerhalb der Schul­aufsicht unabhängige Stellen, die eine Weisungs­befugnis haben und vermitteln können. Auf Bezirks­regierungs­ebene fehlt außerdem ein:e Beauftragte:r für Anti­dis­kriminierung und Rassismus­kritik. Zum Schluss wünsche ich mir mehr Schul­leitungen und Menschen in der Schul­aufsicht mit Zu­wanderungs­geschichte.

Viele Bundesländer haben angekündigt, geflüchtete Lehrkräfte aus der Ukraine möglichst schnell an Schulen einzusetzen. Angesichts des Lehrer­mangels eine gute Idee – wie kann die Integration von Lehrkräften mit Flucht­hintergrund gelingen?

Allein in NRW sind aktuell über 4.300 Stellen unbesetzt. Unser Netzwerk macht Werbung für den Lehrberuf in den Oberstufen. Doch es braucht zehn Jahre, bis diese neue Generation Lehrkräfte im Schuldienst ankommt. Der Seiten­einstieg für geflüchtete Lehrkräfte bietet eine große Chance für das System. Bürokratische Hürden müssen abgebaut werden, und ich hoffe, man hat aus den Erfahrungen mit geflüchteten Lehrkräften aus Syrien 2014/2015 gelernt.

Das Land NRW hat 2016 ein einjähriges universitäres Quali­fizierungs­programm für geflüchtete Lehrkräfte entwickelt. Aktuell bieten fünf Hochschulen dieses Programm an. Deutsch als Unter­richts­sprache ist Schwerpunkt dieser Maßnahme . Das zweijährige Anschluss­programm „Internationale Lehrkräfte Fördern“ bietet den teil­nehmenden Lehr­kräften mit Flucht­hinter­grund die Möglichkeit, sich nach erfolgreichem Abschluss auf ausgeschriebene Stellen direkt zu bewerben. Unser Netzwerk berät zum Seiten­einstieg.

Die Erleichterungen für ukrainische Lehrkräfte mit Flucht­hinter­grund müssen auch für syrische Lehrkräfte mit Flucht­hinter­grund gelten. Die An­erkennungs­verfahren und alles, was dazugehört, müssen ver­einheit­licht werden. Wir dürfen nicht zulassen, dass der Anschein entsteht, es gäbe zwei Klassen Geflüchteter.