ZEIT für X

„Wir brauchen an den Schulen endlich multi­professionelle Teams.“

27. Juli 2022

Eva-Maria Osterhues-Bruns vom Grundschulverband erklärt im Interview, was im kommenden Schuljahr auf die Grund­schulen zukommt. Sie rechnet mit mehr förder­bedürftigen Erst­klässler:innen, denen aufgrund der Ein­schränkungen während der Pandemie wichtige Vor­kenntnisse und Fertigkeiten fehlen.

von Florentine Anders, Studio ZX

Wenn im kommenden Schuljahr 2022/23 die Erstklässler:innen eingeschult werden, müssen sich die Grund­schulen auf einen ganz besonderen Jahrgang einstellen. Durch die Ein­schränkungen während der Corona­pandemie bringen die Kinder verstärkt Defizite in Sprache, Motorik und sozialem Mit­einander mit. Eva-Maria Osterhues-Bruns vom Grund­schul­verband erklärt im Interview, was das für die Grund­schulen bedeutet und was diese jetzt brauchen.

Studio ZX: Pandemiebedingt kommen die Erst­klässlerinnen und Erst­klässler teilweise mit anderen Vor­aus­setzungen in die Schule als noch vor zwei Jahren. Wie stellen sich Grund­schulen darauf ein?

Eva-Maria Osterhues-Bruns: Grundschulen müssen sich schon seit Jahren auf eine sehr heterogene Schüler­schaft bei der Ein­schulung einstellen. Das ist also nicht neu, allerdings verstärken die Folgen der Corona-Pandemie diese Tatsache noch einmal. Größer geworden sind vor allem Sprach­defizite, das zeigen unsere Beobachtungen. Dabei sind meist jene Kinder betroffen, die vorher schon Schwierig­keiten hatten. Aber auch logo­pädische Aspekte spielen verstärkt eine Rolle, etwa wenn Kinder immer wieder bestimmte Laute nicht richtig aussprechen, zum Beispiel Kreppe statt Treppe sagen. Normaler­weise können Sprach­defizite durch eine logo­pädische Therapie vor dem Schul­eintritt relativ einfach behoben werden. Doch diese Therapien haben während der Pandemie häufig nicht statt­gefunden. Aber auch der teilweise geringe Wort­schatz einzelner Kinder ist recht auffällig. Ihnen fehlen Worte für Begriff­lich­keiten oder Tätigkeiten, um sich gezielt sprachlich verständigen zu können. So wird auch das Führen von Gesprächen schwieriger. Wachsende Defizite machen sich zudem im sozialen Mit­einander der Kinder bemerkbar. Vielen Ein­schulungs­kindern wird es schwer­fallen, zuzuhören, wenn andere reden, und sich auch mal zurück­zunehmen. Normalerweise lernen sie diese Fähigkeiten in der Kita. Auch der verstärkte Bewegungs­mangel hat Auswirkungen. Fehlende Körper­spannung ist ein Thema, und die Grob- oder Feinmotorik bereitet einigen Kindern Schwierig­keiten. Darauf müssen Schulen reagieren.

Wachsende Defizite machen sich im sozialen Miteinander der Kinder bemerkbar. Vielen Ein­schulungs­kindern wird es schwer­fallen, zuzuhören, wenn andere reden, und sich auch mal zurück­zunehmen.

Welche Strategien haben Grundschulen, damit im kommenden Schuljahr umzugehen?

Auf jeden Fall ist der Austausch mit den Kitas im Vorfeld der Einschulung wichtig. Auch wenn die Zusammen­arbeit mit den Kindergärten Aufgabe der Grundschule ist, steht beim konkreten Austausch der Datenschutz teilweise im Weg. Ohne Einverständnis der Eltern dürfen Informationen nicht weiter­gegeben werden. Viele Grundschulen beginnen daher die Schule auch mit einer umfassenden Diagnostik der Kinder.

Eva-Maria Osterhues-Bruns
© Grundschulverband

Eva-Maria Osterhues-Bruns ist beim Grund­schul­verband als Fach­referentin für Pädagogische Praxis tätig. Sie ist zudem stell­vertretende Schul­leiterin an einer Grundschule in Niedersachsen.

Sollte eine solche Diagnostik für alle Grundschulen verbindlich vor­ge­schrieben werden?

Die Diagnostik nützt wenig, wenn sie nur Selbstzweck ist. Sie ist nur sinnvoll, wenn daraus tatsächlich Schlüsse für die individuelle Förderung gezogen werden. Zudem reicht ein einmaliger Test nicht aus. Neben dieser Anfangs­diagnose müssen Lehrkräfte prozess­begleitend immer wieder schauen, wo die Kinder stehen. Entscheidend ist der Blick auf die Lern­ent­wicklung. Das ist eine Frage der Lernkultur. Allzu häufig steht noch der Blick auf wenig aussagekräftige Noten im Vordergrund.

Welche pädagogischen Konzepte haben sich bewährt, wenn es darum geht, einer heterogenen Schülerschaft in der Schul­anfangs­phase gerecht zu werden?

Das gleich­schrittige Lernen nach dem Muster „Wir lernen jetzt alle das E“ funktioniert nicht mehr. Einige können schon lesen, andere kennen noch keine Buchstaben. Grundschulen müssen differenziert arbeiten. Dafür gibt es verschiedene Konzepte. In jahr­gangs­über­greifenden Klassen beispiels­weise wird dieses differenzierte Arbeiten gestärkt. Für die Kinder hat das Modell den Vorteil, dass sie schneller und langsamer lernen können, ohne den Klassen­verband für das Überspringen oder Wiederholen wechseln zu müssen. Das soziale Miteinander wird unterstützt durch Unterrichts­angebote, bei denen Kinder zu zweit oder in der Gruppe mit unter­schiedlichen Aufgaben an einem Thema arbeiten.

Das gleichschrittige Lernen nach dem Muster ‚Wir lernen jetzt alle das E‘ funktioniert nicht mehr. Grundschulen müssen differenziert arbeiten.

Viele erfolgreiche Grundschulen arbeiten mit Helfer­systemen, in denen sich Kinder gegen­seitig beim Lernen unterstützen. Wichtig ist es, immer auch die Eltern mitzunehmen, zum Beispiel in gemeinsamen Feed­back­gesprächen mit den Kindern. Eltern können die Entwicklung zu Hause unterstützen, etwa durch Sprach- oder Bewegungs­anlässe.

Der Bewegungsmangel ist zu einem gravierenden Problem geworden. Ist es noch sinnvoll, Kinder in der Schule vor allem sitzend zu unterrichten?

Bewegung gehört nicht nur in die Hofpause, sondern auch in den Unterricht. An vielen Schulen gibt es schon sogenannte Bewegungs­pausen, in denen beispielsweise Bewegungs­lieder gesungen oder rhythmische Sprechverse durch Bewegung unterstützt werden. Aber auch Ent­spannungs­sequenzen haben hier ihren Platz. Das sollte verstärkt werden. Wichtig ist es, die Schul­gebäude entsprechend auszustatten. Kinder brauchen unterschiedliche Lern­umgebungen, nicht nur den Klassenraum mit Tischen und Stühlen. Auch der Schulhof muss verschiedene Bewegungs­möglichkeiten eröffnen. Ein asphaltierter Schulhof bietet wenig Möglichkeiten, Bewegungs­erfahrungen zu sammeln. Hier sollten die Schulträger verstärkt investieren.

Schülerinnen und Schüler aus benachteiligten Familien sind besonders stark betroffen. Welche Unter­stützung benötigen die Grundschulen?

Ein erster Schritt, um diesen Kindern zu helfen, können Aufhol­programme sein. Schulen benötigen dann zusätzliches Personal in den Klassen oder für Ferien­angebote wie Schwimm­kurse oder geöffnete Schul­bibliotheken während der Ferien. Aber das reicht noch nicht. Wir brauchen an den Schulen endlich multi­professionelle Teams, mit Fachkräften aus den Bereichen Logopädie, Ergotherapie, Psychologie sowie Sozial- und Sonder­pädagogik. Und die Lehrkräfte müssen vertraglich geregelte Zeiten haben, in denen sie sich mit diesen Teams austauschen.

Außerdem sollten Schulen anders gebaut oder umgebaut werden. Für die individuelle Förderung braucht es unter­schiedliche Funktions- und Bewegung­sräume. Das ist auch im Hinblick auf den Ganz­tags­ausbau ein sehr wichtiger Aspekt.