ZEIT für X
Zeitung mit Leichter Sprache

Leichte Sprache für mehr Teilhabe

02. Mai 2022

Wie bitte? In dieser Reihe zeigen wir, wie komplexe Informationen so aufbereitet werden können, dass jede:r sie versteht. Heute: Leichte Sprache.

von Luca Pot d'Or, Studio ZX

„Das Land Niedersachsen ist ein freiheitlicher, republikanischer, demokratischer, sozialer und dem Schutz der natürlichen Lebens­grund­lagen verpflichteter Rechts­staat.“ Sätze wie dieser aus der Nieder­sächsischen Landes­verfassung sind für die meisten Menschen schwer zu verstehen – und für Menschen mit einer geistigen oder einer Lern­behinderung gar nicht. Einer von ihnen ist Detlef Erasmy.

„Menschen wie Detlef, die wichtige Informationen aufgrund ihrer Behinderung nicht oder nur schwer verstehen, können an unserer Demokratie nicht richtig teilhaben“, erklärt Marion Klanke. Die 38-Jährige ist Leiterin des Büros für Leichte Sprache in Bremen und setzt sich in dieser Funktion seit mehr als fünf Jahren dafür ein, dass Informationen in Leichter Sprache die Teilhabe für Menschen mit geistiger Behinderung oder mit Lese­schwierigkeiten ermöglichen.

Detlef Erasmy
© Luca Pot d'Or

Detlef Erasmy, 64, wurde 2014 der Bundes­verdienst­orden vom damaligen Bundes­präsidenten Joachim Gauck verliehen. Er hatte sich für eine Verkleinerung des Schwer­behinderten­ausweises eingesetzt. Viele störten sich daran, dass dieser die Behinderung der tragenden Person durch das auffällige Format sofort zu erkennen gab. Erasmy sammelte Tausende von Unter­schriften und trug das Anliegen in die zuständigen Gremien – bis es im Jahr 2013 umgesetzt wurde.

Millionen Menschen profitieren von Leichter Sprache

Zum Gespräch mit ZEIT für Demokratie hat sie den ehemaligen Angestellten Detlef Erasmy mitgebracht, der bis zu seinem Renten­eintritt vor wenigen Wochen als Text­prüfer Teil des Teams war. Lange Sätze, Fremdwörter, umständlicher Satzbau – all das erschwert es dem 64-Jährigen, Text­inhalte zu begreifen. So wie Erasmy geht es laut dem Statistischen Bundesamt in Deutschland rund einer Million Menschen mit geistiger Behinderung. Zählt man noch Analphabet:innen, ältere Menschen und Menschen mit geringen Deutsch­kenntnissen hinzu, profitieren je nach Quelle sogar über zehn Millionen Menschen von Einfacher oder Leichter Sprache.

Im Büro für Leichte Sprache in Bremen arbeiten neben Marion Klanke vier weitere Über­setzer:innen, die beispiels­weise Sprach­wissenschaften studiert haben, und zwei Personen mit geistiger Behinderung als Text­prüfer:innen zusammen. Unternehmen, Vereine oder Behörden beauftragen beim Büro Texte in Leichter Sprache, oft versehen mit einfachen Erklär­grafiken, die zur Verständlichkeit beitragen. Das Team formuliert die Texte so lange um und prüft sie, bis jeder Satz und jedes Wort verständlich ist. „Dieses Teamwork ist so wichtig, weil unsere beiden Prüfer:innen direkt aus der Ziel­gruppe stammen. So sehen wir ganz genau, welche Formulierung klappt und welche nicht“, erklärt Klanke. Zwar gebe es Regelwerke für Einfache und Leichte Sprache, allerdings noch keine bundes- oder europa­weite Norm, die aber bereits im Gespräch ist.

Immer noch Nachholbedarf

Klanke bemerkt ohnehin einen steigenden Bedarf an Leichter Sprache: „Wir haben so viel zu tun, dass wir einige Anfragen ablehnen müssen.“ Neben der gestiegenen Sensibilität für Menschen mit Behinderung nennt Klanke einen weiteren Grund: Eine EU-Richtlinie über den barriere­freien Zugang zu den Websites und mobilen Anwendungen öffentlicher Stellen verpflichtet seit 2020 zur barrierefreien Gestaltung von Internetangeboten. Dazu gehört auch die Leichte Sprache. So kommt es, dass Detlef Erasmy schon Texte für die Website der Stadt Bremen, die Verwaltungs-Berufs­genossen­schaft oder für das Bundes­justiz­ministerium geprüft hat.

Mich macht es immer noch wütend, wenn ich in der Arztpraxis bin oder einen Brief bekomme und nicht verstehe, was los ist.

Detlef Erasmy, Büro für Leichte Sprache

Doch noch heute ist er in vielen Alltags­situationen auf Hilfe angewiesen: „Mich macht es immer noch wütend, wenn ich in der Arzt­praxis bin oder einen Brief bekomme und nicht verstehe, was los ist.“ Er müsse dann erst seinen Betreuer fragen, ob er ihm den Inhalt erklären könne. „Ich verstehe zwar das meiste, aber oft eben nicht alles“, ärgert sich Erasmy. Ähnlich hat es Marion Klanke erlebt: Die Literatur­wissen­schaftlerin hat nach dem Studium als Lektorin in Verlagen gearbeitet und schon damals gemerkt, dass lange, verschachtelte Sätze und Fremdwörter schlau klingen, aber nicht immer schlau sind. „Dass Menschen auf diese Weise ausgegrenzt werden, war für mich eigentlich immer ein Unding“, erinnert sich die 38-Jährige. Sich für eine Sprache einzusetzen, die jede:r versteht, sei ihr spätestens seit ihrem berufs­begleitendem Zweit­studium bei der Forschungs­stelle Leichte Sprache der Uni Hildesheim eine Herzens­angelegenheit.

Fehlende Sensibilität bei Kritik am „Deppendeutsch“

Doch nicht alle sind von Leichter Sprache begeistert. Als die Wahlbescheide zur Bremer Bürger­schafts­wahl 2015 in Leichte Sprache übersetzt wurden, gab es einen regel­rechten Aufschrei. Wütende Anrufer:innen beschwerten sich direkt beim Büro für Leichte Sprache, und in den Kommentar­spalten im Netz tobte ein Shitstorm. Dort warnten vornehmlich rechte Medien und Blogger:innen, aber auch lokale Politiker:innen und Journalist:innen vor einer „Volks­verdummung“. Das Argument: Durch Sprach­regelungen wie den Wegfall des Genitivs würde die deutsche Sprache zur „Kindersprache“ oder zum „Deppendeutsch“ verfallen. Ein Bildungs­experte der Universität Bremen kritisierte das Modell­projekt als „bildungs­feindlich“ und als „gefährliche Abwertung der sprachlichen Bildung“.

Menschen, die wichtige Informationen aufgrund ihrer Behinderung nicht oder nur schwer verstehen, können an unserer Demokratie nicht richtig teilhaben

Marion Klanke, Leiterin Büro für Leichte Sprache

Diese Kritik sei für Klanke vor allem ein Zeichen von mangelnder Sensibilität. Sie betont, dass die Leichte Sprache nichts ersetzen, sondern ein Zusatz­angebot für Menschen, die auf sie angewiesen sind, sein soll. Wenn der Genitiv das Leseverstehen vieler Menschen erschwere, dann könne man bei zusätzlichen Angeboten darauf verzichten, findet sie. Denn Sprache hat in einem demokratischen System in erster Linie die Funktion, Informationen zugänglich zu machen. Klanke: „Ist dieser Zugang erschwert, funktioniert unser System nicht richtig. ‚Demokratie‘ schließt ja im eigentlichen Wortsinn alle Bürgerinnen und Bürger mit ein – und weder der Zugang durch eine Roll­stuhl­rampe noch durch einen Text in verständlicher Sprache sollte ein Grund zur Aufregung sein. Denn nur so können alle teilhaben und wir alle voneinander profitieren.“

Zusammen übersetzen und prüfen Detlef Erasmy und Marion Klanke Texte in Leichter Sprache, damit sie für Menschen mit einer geistigen oder einer Lernbehinderung besser zu verstehen sind.
© Luca Pot d'Or Zusammen übersetzen und prüfen Detlef Erasmy und Marion Klanke Texte in Leichter Sprache, damit sie für Menschen mit einer geistigen oder einer Lernbehinderung besser zu verstehen sind.

Teilhabe durch Leichte Sprache

Dafür, dass Menschen mit Behinderung ein Gewinn für die Gesellschaft sein können, ist Detlef Erasmy ein lebendes Beispiel: Der gebürtige Bremer ist ehren­amtlich engagiert, war bei der Bundes­tags­wahl als Wahlhelfer aktiv und hat für seinen Einsatz für die Verkleinerung des Behinderten­ausweises einen Bundes­verdienst­orden verliehen bekommen. Möglich macht ihm die Teilhabe auch die Leichte Sprache – etwa bei Wahl­unterlagen oder Gesetzes­texten. Damit Detlef Erasmy etwa den Paragrafen aus der Nieder­sächsischen Landes­verfassung verstehen kann, hat ihn das Büro für Leichte Sprache wie folgt übersetzt:

„Alle Einwohner in Niedersachsen haben die gleichen Rechte und können frei leben.
Die Einwohner dürfen bei Wahlen entscheiden.
Jeder muss sich an die Gesetze halten.
Jeder bekommt Hilfe, wenn er Hilfe braucht.
Das Land Niedersachsen achtet auf die Umwelt.
So können alle gut und gesund leben.
In der Verfassung steht das so:
Das Land Niedersachsen ist ein freiheitlicher, republikanischer, demokratischer, sozialer und dem Schutz der natürlichen Lebensgrundlagen verpflichteter Rechtsstaat.“

Das Büro für Leichte Sprache

Hervorgegangen aus der Lebenshilfe für Menschen mit geistiger Behinderung Bremen e. V., einem Verein für Angehörige, Fachleute und Freiwillige für ein gutes gemeinsames Leben von Menschen mit und ohne Behinderung. Unter der Leitung von Marion Klanke arbeitet ein sechs­köpfiges Team daran, Texte für Websites, Broschüren oder andere Medien in Leichte Sprache zu übersetzen.

lebenshilfe-bremen.de/buero-fuer-leichte-sprache/