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Frau mit Tabletten

Fatale Folgen für Frauen

03. Mai 2022

Frau ist nicht gleich Mann – und das hat Einfluss auf die Wirkung von Medikamenten. Pharmakologin Petra Thürmann über den Gendergap in der Arznei­mittel­herstellung.

Frauen leiden doppelt so häufig unter Nebenwirkungen von Medikamenten wie Männer. Wie kann das sein? Ein Grund dafür ist, dass die Arznei­mittel nicht immer optimal auf sie zugeschnitten sind. Das Problem stellt sich bei näherer Betrachtung jedoch differenzierter dar, aber dazu später mehr.

In den USA ist gesetzlich vorgeschrieben, dass bei der Medikamenten­erforschung nach Geschlechtern getrennte Analysen vor­genommen werden, also separat untersucht wird, wie Wirkstoffe je nach Geschlecht wirken. So ist der amerikanischen Arznei­mittel­behörde FDA bereits seit 1994 das „Office on Women’s Health“ angesiedelt, das unter anderem darüber wacht, dass Frauen ausreichend in klinische Studien einbezogen werden. In Deutschland ist es erst seit 2004 verpflichtend, dass mögliche Unterschiede zwischen Frauen und Männern in der Medikamenten­entwicklung unter­sucht werden. Die Zulassung neuer Pharmaka erfolgt über die europäische Zulassungs­behörde EMA. „Auf europäischer Ebene“, erklärt Petra Thürmann, Fachärztin für klinische Pharma­kologie, „gibt es bezüglich der Geschlechter­analysen jedoch nur vage Formulierungen – ,Frauen sollten angemessen vertreten sein‘ –, aber keine konkreten Richtlinien.“

Auf europäischer Ebene gibt es bezüglich der Geschlechter­analysen nur vage Formulierungen – ,Frauen sollten angemessen vertreten sein‘ –, aber keine konkreten Richtl­inien.

Petra Thürmann, Fachärztin für klinische Pharmakologie

Prof. Petra Thürmann
© Helios Universitätsklinikum Wuppertal

Petra Thürmann ist Fachärztin für klinische Pharmakologie, Direktorin des Philipp Klee-Instituts für klinische Pharmakologie am Helios Universitäts­klinikum Wuppertal sowie Lehr­stuhl­inhaberin und Vize­präsidentin für Forschung an der Universität Witten/Herdecke. Ihre Forschungs­arbeit sieht die Berücksichtigung von Alter und Geschlecht vor. Thürmann ist Mitglied im Sach­verständigen­rat zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheits­wesen.

Herzinfarkt ist nicht gleich Herzinfarkt

Jahrhundertelang war der Arzt ein Mann. Probanden in Studien waren Männer. Männer in den Verbänden definierten medizinische Leit­linien. Erst in den 1980er-Jahren geriet mit der Frauen­bewegung der weibliche Körper in den Fokus der Medizin. Noch in den 1990er-Jahren aber war in der Ärzteschaft nicht bekannt, dass sich etwa ein Herz­infarkt bei Frauen anders zeigt als bei Männern (Stichwort „Eva-Infarkt“). Erst die Kardiologin Vera Regitz-Zagrosek nahm sich der Schieflage an und gründete als Pionierin der Gender­medizin 2007 an der Berliner Charité das Institut für Geschlechter­forschung in der Medizin.

Heute sind 48 Prozent des gesamten praktizierenden Ärzte­personals weiblich, das Medizin­studium ergreifen fast doppelt so viele Frauen wie Männer – doch die Vermittlung von Gender­wissen im Medizin­studium wurde 2021 in dem Gutachten eines vom Bundes­ministerium für Gesundheit geförderten Forschungs­projekts des Deutschen Ärztinnen­bundes e.V. (DÄB) und der Charité-Universitäts­medizin Berlin als „absolut unzureichend“ bezeichnet. „Existierende Erkenntnisse über geschlechter­spezifische Unterschiede müssen im Medizin­studium gelehrt sowie in der Fort- und Weiter­bildung vertieft werden“, fordert Petra Thürmann, die erfreut darüber ist, dass die Gender­medizin nun in den neuen nationalen Lern­ziel­katalog für angehende Ärztinnen und Ärzte aufgenommen wurde.

Auch bei den klinischen Studien in der Medikamenten­entwicklung ist viel Luft nach oben: Noch immer ist der Prozent­satz von weiblichen Studien­teil­nehmenden kleiner, im Schnitt liegt er bei 30 Prozent. Männer über­wiegen deutlich in den ersten beiden Studien­phasen. In den Phase-3-Studien, wo Wirkstoffe an großen Teil­nehmer­zahlen erforscht werden, ist die Lage heterogen. Bisweilen sind Frauen und Männer sogar gleich beteiligt. „Manchmal ist aber der Männer­anteil sehr hoch – und man versteht gar nicht, warum“, beschreibt Thürmann das Ungleich­gewicht. Übrigens werden Frauen, die bereits in den Wechsel­jahren sind, bevorzugt in Studien integriert – zur Vereinfachung der Interpretation der Daten.

Was den Unterschied macht

Warum nun benötigen Frauen andere Wirkstoff­zusammen­setzungen oder Dosierungen als Männer? Geschlechter­spezifische Unterschiede, die Einfluss auf die individuelle Arznei­mittel­therapie haben sollten, gibt es laut Petra Thürmann etwa beim Immun­system. „Der weibliche Zyklus samt seinen Schwankungen oder die Einnahme von Verhütungs­mitteln beeinflussen das Immun­system, das beim weiblichen Geschlecht darauf ausgelegt ist, im Falle einer Schwanger­schaft diese auch zu tolerieren“, erklärt die Pharmakologin. Laut bisheriger Arznei­mittel­studien – so ein Positions­papier des Verbands der forschenden Pharma-Unternehmen (vfa) – sind geschlechter­spezifische Unterschiede jedoch grundsätzlich kleiner als jene bezogen auf genetische Faktoren, den Körper­bau oder auch den Lebens­stil. Für viele Arznei­mittel werde daher die Dosierung generell schon individuell angepasst. Ob das ausreicht? „Die Forschung muss dennoch weiterhin unbedingt nach Geschlechtern getrennte Analysen etwa über Wirkstoff­auf­nahme und -abbau einplanen“, betont Thürmann. Wie Medikamente aufgenommen und ausgeschieden werden, entscheide schließlich maßgeblich über Ausmaß und Dauer der Wirkung.

„Die Forschung muss weiterhin unbedingt nach Geschlechtern getrennte Analysen über Wirk­stoff­auf­nahme und -abbau einplanen.

Petra Thürmann, Fachärztin für klinische Pharmakologie

Es gibt Krankheiten, die hauptsächlich bei einem Geschlecht vorkommen. So Auto­immun­erkrankungen, Multiple Sklerose oder das klassische Gelenk­rheuma, die deutlich mehr Frauen als Männer betreffen und daher auch eine geschlechter­spezifische Behandlung mit Pharmaka verlangen. „Das muss in den klinischen Studien noch stärker abgebildet werden“, ist Petra Thürmann überzeugt. Lange wurde ignoriert, dass es all diese Unterschiede gibt, mit erheblichen Folgen für die Frauen­gesundheit. Aber Forschung und Entwicklung sind sensibilisiert.

Der Contergan-Skandal und seine Folgen

In den 1960er-Jahren wurden Frauen infolge des Contergan-Skandals als Probandinnen von klinischen Studien ausgeschlossen. Das Schlaf- und Beruhigungs­mittel Thalidomid, das unter dem Marken­namen Contergan auch gegen Schwanger­schafts­übelkeit verabreicht wurde, führte zu zahl­reichen schweren Schädigungen an ungeborenen Kindern. In der Folge wurden Wirkstoffe nur noch an Männern getestet, was sich erst im 21. Jahrhundert änderte.