ZEIT für X
Wissenschaftlerin

Frauen im Wissenschafts­betrieb: Diese Sachen müssen sich ändern

10. November 2022

Wie kann man Frauen und Mütter im Wissenschafts­betrieb besser fördern? Das fragten wir die ZEIT für Forschung-Community im letzten Newsletter. Die vielen Anregungen und Forderungen sind einen eigenen Beitrag wert.

von Michelle Maier, Studio ZX

Die schwierige Vereinbarkeit von wissenschaftlicher Karriere und Mutterschaft war im Oktober das Thema unseres Interviews mit den Autorinnen Sarah Czerney und Lena Eckert. Die beiden Wissen­schaftlerinnen prangern viele Miss­stände in der Wissenschaft an, nennen aber auch Maßnahmen, mit denen die ungleichen Geschlechter­verhältnisse bewältigt werden könnten. Wir wollten mehr Ideen zu diesem Thema sammeln – und haben daher im letzten ZEIT für Forschung-Newsletter unsere Community gefragt: Haben Sie Tipps für Frauen im Wissenschafts­betrieb?

Dass der Frauenanteil abnimmt, je höher es auf der akademischen Karriere­leiter geht, ist kein Geheimnis. Die Gründe liegen zum einen in den Arbeits­bedingungen der Wissenschafts­institutionen – Stichwort Wissenschafts­zeit­vertrags­gesetz –, zum anderen aber auch in sozialen Faktoren. So wird in Deutschland die sogenannte Care-Arbeit immer noch größten­teils von Frauen übernommen, die dann im Beruf zurück­stecken. Und natürlich spielt auch der Gender Bias eine Rolle bei Beförderungen. Die Ursachen für die ungleiche Geschlechter­verteilung in der Wissenschaft sind also divers – entsprechend viel­fältig sind die Lösungs­vorschläge, die unsere Redaktion erreichten. Es geht um flexiblere Arbeits­modelle, Anreize wie Mentoring­programme und zuverlässige Kinder­betreuungs­angebote. Hier eine Auswahl von Statements aus unserer Community:

Arbeitsmodelle in der Wissenschaft neu denken

„Es braucht mehr Jobsicherheit und unbefristete Verträge. Durch die befristeten Verträge wird der Druck aufgebaut, immer 120 Prozent leisten zu müssen und auch in Mutter­schutz und Eltern­zeit zu arbeiten, was viele sich neben der Kinder­betreuung und später eventuell in Teilzeit nicht leisten können oder wollen. Die Frauen mit Kindern, die es schaffen, die gläserne Decke zu durchbrechen, haben dies oft stark auf Kosten der Zeit mit ihren Kindern geschafft“, berichtet eine Leserin.

Die Frauen mit Kindern, die es schaffen, die gläserne Decke zu durchbrechen, haben dies oft stark auf Kosten der Zeit mit ihren Kindern geschafft.

ZEIT für Forschung-Leserin

Andere Leser:innen haben ähnliche Ideen, wie man Arbeitsmodelle im Wissenschafts­betrieb strukturieren könnte, um Frauen und Eltern entgegen­zu­kommen. Sie schlagen

  • „flexible Arbeitszeiten,
  • familienfreundliche Meetingzeiten,
  • Kinderbetreuung auf Konferenzen und
  • hybride Meetingformen“ vor.

Gremiensitzungen sollten „zu kinderfreundlichen Zeiten stattfinden“. Und Mutterschaft sollte auch bei Lehr­verpflichtungen berücksichtigt werden, etwa durch die angepasste „Vergabe von Vorlesungen und Seminaren und die Bereit­stellung einer Korrektur­assistenz“.

Eine Leserin fordert „weniger Befristungen sowie gesetzlich geregelte Projekt­verlängerungen bei Eltern­schaft“. Außerdem bekamen wir die Anregung, das Wissen­schafts­zeit­gesetz am besten gleich ganz abzuschaffen und dafür ein „flexibleres Rollen­verständnis von Professor:innen“ zu fördern.

Anreize für Mädchen und Frauen schaffen

Einige Leser:innen sind der Meinung, es gebe generell nicht genug Anreize für Frauen, eine Karriere in der Forschung anzutreten. Sie schlagen vor, „Stellen­beschreibungen zu über­prüfen und eventuell zu ändern, damit sie für Frauen geeigneter und flexibler sind“. Andere sehen den Bedarf, das Interesse an Wissenschaft speziell bei Mädchen zu wecken und zu fördern. Man solle Frauen zudem Mut machen, ihren erarbeiteten Platz auch einzufordern und einzunehmen.

Mehr Positionen an Frauen

Andere Leser:innen finden, es seien eher die Wissenschafts­institutionen selbst, die Anreize bräuchten, um ihr ungleiches Geschlechter­verhältnis zu verbessern. Derartige Anreize könnten Quoten oder Fördermittel sein: „Wir brauchen verbindliche Quoten bei Berufungen und bei Führungs­positionen“, schreibt uns ein:e Leser:in. Auch kam der Vorschlag, Forschungs­förder­mittel nur an Einrichtungen auszuzahlen, die über eine ausgeglichene Geschlechter­repräsentanz und verbindliche Förder­pläne verfügen.

Kinderbetreuung ausweiten

Die Frage der Kinderbetreuung beschäftigt viele unserer Leser:innen. Neben den Angeboten von staatlicher und betrieblicher Seite sprechen sie sich dafür aus, Männer mehr in die Erziehungs­arbeit einzubeziehen. Ein Wunsch lautet hier: „Es muss selbst­verständlicher werden, dass auch Männer Elternzeit nehmen. Eine brauchbare gesamt­gesellschaftliche Lösung kann nicht darin bestehen, Klein­kinder möglichst früh fremd­betreuen zu lassen, damit auch Mütter zurück in den Beruf gehen können.“ Andere Leser:innen teilen den Gedanken, sprechen sich aber für gesetzliche Lösungen aus, zum Beispiel für eine „verpflichtende Eltern­zeit für die Väter“ und „gesetzliche Anreize für Männer, Erziehungs­urlaub zu nehmen“.

Aus der Community kamen auch diese Vorschläge: „Die Kinder­betreuung sollte – wie in Frankreich, Belgien und anderen europäischen Ländern – ab drei Monaten gratis sein. Universitäten könnten wie größere Betriebe eigene Kinder­betreuungs­einrichtungen anbieten für alle an der Universität beteiligten Personen – ob für forschende oder studierende Personen.“ Eine andere Idee ist ein „dualer Career-Service“ für „Kinder­betreuung nach 17 Uhr und am Wochenende“.

Erziehungsarbeit sichtbar machen

Alle erwähnten Lösungsvorschläge setzen allerdings eines voraus: Verständnis für Menschen, die neben ihrer Forschungs­arbeit auch Erziehungs- oder andere Care-Arbeit leisten müssen. Ein:e Leser:in wünscht sich deshalb Folgendes: „Verständnis­förderung bei den Arbeit­gebern, die häufig Männer jenseits der 50 sind und sich aufgrund der Erziehungs­bereitschaft ihrer Frauen nicht zwischen Kind und Karriere entscheiden mussten. Vielleicht brauchen sie verpflichtende Workshops oder verpflichtende Infotage?!“ Darüber hinaus sollten Frauen mit Kindern automatisch mit ihrer Stelle Zugriff auf Hiwis haben, die bei der Forschungs­arbeit unter­stützen. „Es gibt unzählige Möglichkeiten. Aber allein schon die Schwierigkeit, sich dafür rechtfertigen zu müssen, dass man sein Kind abholen muss und nicht bis 20 Uhr im Büro bleiben kann, sollte endlich bei allen ankommen.“

Wollen Sie auch mitreden bei Themen wie diesen? Dann abonnieren Sie unseren ZEIT für Forschung-Newsletter (siehe unten), in dem wir mit unserer Community jeden Monat in den Impulsaustausch gehen.