ZEIT für X
Wissenschaftlerin

Habilitiere ich, oder bekomme ich ein Kind?

13. Oktober 2022

Frauen, insbesondere Mütter, haben es in einer männlich geprägten Wissen­schafts­welt schwer. Die Autorinnen Lena Eckert und Sarah Czerney zeigen die Gründe schonungs­los auf, liefern aber auch Lösungs­ansätze. Ein Gespräch über Chancen und Grenzen.

von Nataša Ivaković, Studio ZX

Studio ZX: An deutschen Hochschulen ist rund jede vierte Professur von einer Frau besetzt. Der Frauen­anteil unter Professor:innen lag im vergangenen Jahr bei 27 Prozent, wie unlängst das Statistische Bundesamt in Wiesbaden mitteilte. Wo sind all die gut ausgebildeten Frauen?

Sarah Czerney: Die Lage ist noch dramatischer, wenn man sich die am höchsten besoldeten Professur­stellen anschaut – da sind es nämlich nur noch 21 Prozent. Damit ist Deutschland unter dem EU-Durchschnitt, was katastrophal schlecht ist. Und schauen wir uns mal die Fachgruppen an: In den Natur­wissen­schaften sind nur 17 Prozent der Professor:innen weiblich, in den Ingenieur­wissenschaften nicht einmal 10 Prozent.

Sarah Czerney
© LIN Magdeburg

Sarah Czerney arbeitet als wissenschaftliche Mitarbeiterin im Gleich­stellungs­projekt FEM POWER am Leibniz-Institut für Neuro­biologie in Magdeburg. Die Mutter von zwei Söhnen hat Europäische Medien­kultur studiert und 2018 an der Goethe-Universität Frankfurt am Main promoviert. Neben der praktischen Gleich­stellungs­arbeit liegen ihre Schwerpunkte unter anderem auf feministischer Wissenschafts­kritik und dem Thema Mutterschaft und Wissenschaft.

In den Geisteswissenschaften hingegen sind Professorinnen mit 42 Prozent vertreten. Haben Frauen salopp gesagt zu einseitige Interessen?

Sarah Czerney: Nein, da widerspreche ich vehement, das hat ganz klar mit sozialisierten, anerzogenen Rollen­mustern zu tun. Kinder lernen von klein auf gegenderte Rollen: wer wofür zuständig ist, wer sich wofür zu interessieren hat und wer vor allem für welche Arbeit zuständig ist. Das hat Auswirkungen auf die Studien- und Berufs­wahl und damit eben auch auf diese Statistiken. Das nur mit dem freien Willen zu begründen, greift viel zu kurz und individualisiert das strukturelle Problem, das wir haben.

Lena Eckert: Es gibt eine strukturelle Benachteiligung von Frauen im Wissen­schafts­betrieb, die sie auf dem Weg nach oben auf der sogenannten Karriere­leiter verhindert und ein Drop-out von Frauen verursacht. Das sind strukturelle Benachteiligungen und Ausschlüsse, die nichts mit einer individuellen Entscheidung zu tun haben, sondern schlicht und einfach mit den vorherrschenden Bedingungen.

Welche Mechanismen verunmöglichen Frauen eine Karriere?

Lena Eckert: Das sind informelle Mechanismen, die darauf basieren, dass sich das System immer wieder selbst reproduziert. Dass ein Doktorvater zum Beispiel seinen Doktoranden so lange hält, bis dieser seine Professur über­nehmen kann, zum Teil auch gegen die eigene Regelung des Hauses für Berufungen. Wen haben Männer in führenden Positionen also auf dem Schirm, wenn es um die Besetzung von Stellen und Positionen geht? Männer in machtvollen Positionen führen Strukturen weiter, die sie selbst etabliert haben. Frauen hingegen müssen diese informellen Förder­strukturen praktisch erst aus dem Boden stampfen. Man bedenke: Wissenschaft war bis vor ungefähr 100 Jahren ein rein männliches Unterfangen.

Sarah Czerney: Wobei es mir sehr wichtig ist, zu betonen, dass die allermeisten Männer diese Mechanismen nicht absichtlich weiter­tragen. Es gibt ganz viele unbewusste Vorurteile, Denkmuster, die wir alle verinnerlicht haben. Sie betreffen bei Weitem nicht nur das Geschlecht, sondern auch Faktoren wie Race, Klasse, Behinderungen und Alter.

Die Arbeitsbedingungen in der Forschung tun also ihr Übriges?

Lena Eckert: Der Wissenschaftsbetrieb in Deutschland leidet wegen der Befristung von Stellen unter einer unfassbaren Prekarisierung. Das Wissen­schafts­zeit­vertrags­gesetz begünstigt eine Mentalität der sogenannten Ketten­verträge. 82 Prozent der wissenschaftlich Beschäftigten sind befristet angestellt mit je einer durch­schnittlichen Laufzeit von andert­halb Jahren. Das ist eine ungeheure Zahl! Unter diesen Bedingungen können Menschen, die noch kein festes Standing in diesem Betrieb haben – wozu Frauen gehören –, einfach nicht gut arbeiten und verlassen dann die Wissenschaft. Zumal wenn die Familien­planungs­phase eintritt und viele Frauen sich entscheiden müssen: Habilitiere ich, oder bekomme ich ein Kind?

Lena Eckert
© Georg Bosch

Die promovierte Genderwissenschaftlerin Lena Eckert lebt mit ihrer Familie in Berlin und arbeitet als akademische Mitarbeiterin am Zentrum für Lehre und Lernen der Europa-Universität Viadrina Frankfurt (Oder). Ihre Forschung konzentriert sich auf die Kritik von Macht- und Herrschafts­verhältnissen in Hochschule und Gesellschaft. Sie publiziert international zu Themen der kritischen Gender Studies.

Die Hochschulen und Forschungseinrichtungen bemühen sich längst, die Rahmen­bedingungen für Wissenschaftlerinnen zu verbessern und etwa bei der Vergabe von Forschungs­geldern auf Diversität zu achten. Auch zahlreiche Non-Profit-Organisationen unter­stützen junge Forscherinnen bei ihrer Karriere. Warum verbessert sich bei allem Engagement nicht schneller etwas zum Positiven?

Sarah Czerney: Ich würde schon sagen, dass eine positive Tendenz bei der Förderung von Frauen erkennbar ist. Die Lage hat sich verbessert im Vergleich zu den letzten 10, 20 Jahren. Aber diese Verbesserungen kommen meist nur gesunden weißen Frauen aus der Mittelschicht ohne Care-Verpflichtungen zugute. Weit­reichendere Veränderungen geschehen einfach viel zu langsam. Die vorhandenen Strukturen sind zu tief verankert. Der Wissenschafts­betrieb ist kein machtfreier Raum: Es geht um Prestige, es geht um Geld und um Privilegien. Und es ist natürlich nicht angenehm für diejenigen, die jetzt in macht­vollen Positionen sind, sich damit aus­einander­zu­setzen.

Lena Eckert: Es ist einfach eine wahnsinnig zähe Arbeit, weil man gegen ein bereits etabliertes und sehr starkes System ankämpft. Diese Gleich­stellungs- oder Chancen­gleichheits­bereiche, die Sie ansprechen, sind selbst ganz oft mit befristeten Stellen besetzt. So können keine nach­haltigen Strukturen installiert werden, da die Leute immer wieder aus dem System rausgehen und erworbenes Wissen damit natürlich verloren geht. Die Universitäten betrachten dieses Engagement nicht als grund­ständige Haupt­aufgabe, sondern immer irgendwie als Zusatz. Es fehlt hier an Ernsthaftigkeit und Willen.

Der Wissenschaftsbetrieb ist kein machtfreier Raum: Es geht um Prestige, es geht um Geld und um Privilegien. Und es ist natürlich nicht angenehm für diejenigen, die jetzt in machtvollen Positionen sind, sich damit auseinanderzusetzen.

Sarah Czerney, Geisteswissenschaftlerin, Referentin für Chancengleichheit und Expertin für das Thema Mutterschaft und Wissenschaft

Der Förderpreis „For Women in Science“ zeichnet mit Unter­stützung des Bundes­ministeriums für Bildung und Forschung heraus­ragende Wissen­schaftlerinnen mit Kindern aus. Braucht es solche Sonder­aus­zeichnungen für Mütter aus Ihrer Sicht wirklich?

Sarah Czerney: Auf jeden Fall! Und zwar nicht nur Preise, sondern auch Netzwerke wie unseres, Initiativen und Bücher, die das Thema Mutterschaft und Wissenschaft überhaupt erst sichtbar machen. Leider sind die Umstände, unter denen Forschung passiert, nicht gerecht. Und solang das der Fall ist, müssen wir das immer wieder thematisieren. Um auf die Statistik zurück­zu­kommen, die Sie eingangs zitiert haben: Wir wissen gar nicht, wie viele von den wenigen Professorinnen Mütter sind, das wird nicht erhoben. Durch Befragungen ahnen wir, dass es in etwa nur die Hälfte ist. Drei Viertel der Professoren hingegen sind Väter. Das ist nicht gerecht verteilt.

Junge Forschende müssen viel veröffentlichen. Hinzu kommen Konferenz­besuche und Bewerbungen um Drittmittel. Wer experimentell arbeitet, kommt schnell auf einen 14-Stunden-Tag – plus Labor­präsenz am Wochenende. Forschende mit Kindern sind da doch schlicht­weg benachteiligt.

Sarah Czerney: Es ist utopisch, dass jemand 14, 15 Stunden am Tag konzentriert arbeitet, ob mit oder ohne Kinder. Auch Menschen ohne Kinder brauchen Zeit, um sich zu erholen und um sich um sich selbst zu kümmern, um ihr soziales Netzwerk, ihre Gesundheit. Warum also nicht wegkommen von diesem Bild der„Wissenschaft als Berufung“? Natürlich sollte jede und jeder, also auch Mütter, 14 Stunden am Tag arbeiten dürfen, wenn sie das denn möchten und aufgehen in ihrer Arbeit. Aber es muss eine Wahlfreiheit geben. Und das ist leider nicht so! Wir leben nicht in einer Welt, in der Mütter Wahlfreiheit haben. Im Gegenteil, es gibt ein sehr, sehr begrenztes Mutterbild.

Lena Eckert: Wo kommt überhaupt immer diese Dringlichkeit her? Sicherlich gibt es sie in manchen Laboren, aber in ganz vielen anderen Bereichen geht nichts kaputt, wenn man nicht sofort hinrennt. Würden wir die Arbeits­ethik in der Wissenschaft überdenken, dann wäre wahrscheinlich das Leben für alle angenehmer – und so vielleicht auch der Wissen­schafts­betrieb insgesamt attraktiver.

Würden wir die Arbeitsethik in der Wissenschaft überdenken, dann wäre wahrscheinlich das Leben für alle angenehmer – und so vielleicht auch der Wissenschaftsbetrieb insgesamt attraktiver.

Lena Eckert, Genderwissenschaftlerin und Expertin für die Themen Bildung, Medien und Hochschule

Was wären aus Ihrer Sicht die effektivsten Hebel, damit Frauen eine hervor­ragende Position in der Wissenschaft einnehmen und gleich­zeitig eine Familie gründen können?

Sarah Czerney: Ein Hebel wäre, das Elterngeld zu reformieren: es nur in voller Höhe auszuzahlen, wenn die Care-Arbeit paritätisch verteilt wird. Und von einer unserer Workshop-Teilnehmerinnen kam der Vorschlag: Alle mit Kindern sollten einfach entfristet werden, unabhängig davon, welche Position sie haben. Warum also nicht radikaler denken? Entscheidungs­gremien müssten darüber hinaus diverser besetzt werden, damit verschiedene Perspektiven berücksichtigt werden können. Das ließe sich relativ einfach durchsetzen. Und wie wäre es mit virtuellen Gast­professuren und geteilten Professuren? Das käme allen zugute – vor allem aber forschenden Müttern.

Zahlen und Fakten

Buch "Mutterschaft und Wissenschaft in der Pandemie"
© Verlag Barbara Budrich

Lena Eckert und Sarah Czerney betreiben gemeinsam das Netzwerk Mutterschaft und Wissenschaft. Sie bieten damit Frauen ein Forum, die sich als Mutter identifizieren oder sich mit dem Thema Mutterschaft beschäftigen und im Wissen­schafts­betrieb arbeiten. Hier können sie sich austauschen, vernetzen, sich gegen­seitig unter­stützen und informieren. Ihr zweites Buch „Mutterschaft und Wissenschaft in der Pandemie“ ist im Juli 2022 erschienen.