ZEIT für X

Wem gehört der Impfstoff?

01. April 2022

Die Diskussion um eine globale und gerechtere Verteilung von Impfstoffen hält an. Medizinethiker Giovanni Maio erklärt, warum unser System Patente braucht.

von Ina Brzoska, Studio ZX

Studio ZX: Herr Maio, die Coronapandemie offenbart ein globales, aber auch ein ethisches Problem: Impfstoffe werden zwar in Ländern wie Indien oder in Lateinamerika getestet. Genau dort aber fehlt es an Geld, um die Bevölkerung schnell und flächendeckend zu impfen. Wie lässt sich dieser Konflikt lösen?

Giovanni Maio: Die Pandemie hat die Verflochtenheit der gesamten Welt kenntlich gemacht, und sie fordert uns auf, uns für eine Gerechtigkeitsform zu engagieren, mit der die gesamte Weltbevölkerung Beachtung findet. Die Pandemie hat uns von der Illusion befreit, wir könnten auf unserer Wohlstandsinsel verharren und den Rest der Welt ignorieren.

Wie stehen Sie zu der Forderung, dass Pharmaherstellende ihre Patente im Fall einer globalen Pandemie aufgeben sollten?

Ich halte diesen Vorschlag für populistisch. Er ist schön simpel, wird aber der Komplexität des Problems nicht gerecht. Das Ziel muss eine weltweit gerechte Verteilung des Impfstoffs sein. Aber wenn man jetzt sagt, der Entzug der Patente sei die Lösung, dann ist das zunächst einmal der Vorschlag einer Teilenteignung der pharmazeutischen Unternehmen. Eine solche Enteignung ist zwar ein grundsätzlich möglicher, aber doch ein sehr radikaler Schritt, den man – wenn überhaupt – erst dann gehen sollte, wenn es keine Alternative dazu gibt.

Giovanni Maio
© Silke Wernet

Zur Person:
Giovanni Maio, geboren 1964, ist Arzt und Philosoph und Inhaber des Lehrstuhls für Medizinethik an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg.

Was stört Sie an der Debatte so?

Hinter solchen Vorschlägen verbirgt sich der implizite Vorwurf, dass wir nur wegen der Patente nicht ausreichend Impfstoff in Indien haben. Diese Kausalität gibt aber die Faktenlage überhaupt nicht her. Das ist das Problem dieser Debatte, dass sehr viele Menschen die Pharmaindustrie mit einem pauschalen Generalverdacht versehen und dabei vollkommen übersehen, dass in diesem Fall die pharmazeutische Industrie doch nicht unser Problem, sondern vielmehr die Lösung unserer Probleme darstellt. Ohne das enorme Engagement der pharmazeutischen Unternehmen hätten wir den allmählichen Ausgang aus der Pandemie erst viel später antreten können. Was nicht heißt, dass wir die Dinge nicht noch besser machen könnten. Aber mit einer Aussetzung der Patente wird das Problem der ungleichen Verteilung der Impfstoffe nicht wirklich gelöst.

Die pharmazeutische Industrie ist in diesem Fall doch nicht unser Problem, sondern stellt vielmehr die Lösung unserer Probleme dar.

Giovanni Maio

Was antworten Sie jenen, die sagen: In einer solchen Zeit muss der Impfstoff allen gehören?

Wir müssen differenzieren. Es ist aus meiner Sicht verkürzt, zu sagen, der Impfstoff gehöre allen, so wie es manche Protagonisten lautstark verkündet haben. Ein effektiver und unbedenklicher Impfstoff ist eine geistige, eine logistische und eine finanzielle Leistung. Diese enorme Leistung dürfen wir nicht einfach beiseitewischen. Deswegen ist es wichtig, den Impfstoff als eine Erfindung und nicht einfach als industrielles Produkt zu bewerten. Für diese Erfindung braucht es ausreichend Erfahrung, technisches Know-how und vor allem viele Ressourcen. Erst so lassen sich Hunderte von Komponenten, die man zur Herstellung braucht, zielführend zusammentragen. Insofern finde ich, dass es nicht richtig ist, zu sagen, der Impfstoff gehöre allen. Gleichwohl kann man den Impfstoff eben nicht einfach als eine Ware betrachten, weil man mit der Erfindung und Herstellung eines Wirkstoffs, der eine enorme Auswirkung auf Gesundheit und auch wirtschaftliches und soziales Wohlergehen einer jeden Gesellschaft hat, automatisch eine gesellschaftliche Verantwortung übernimmt.

Allerdings ist die Entwicklung eines Impfstoffs nicht die alleinige Leistung von Unternehmen. Auch viele unabhängige und staatlich geförderte Forschungseinrichtungen sind beteiligt …

Das ist richtig. Wir müssen den Blick hier auch weiten und anerkennen, dass es den pharmazeutischen Unternehmen nur deswegen möglich war, solche großen Innovationen voranzutreiben, weil sie auf Wissen und Strukturen zugreifen konnten, für die sie nicht selbst ursächlich waren. Ein Unternehmen kann nichts allein aus sich selbst heraus produzieren, sondern es rekurriert auch unweigerlich auf die Ergebnisse früherer Generationen, auf die Grundlagenforschung anderer, auf eine Infrastruktur, an deren Aufbau eine ganze Gesellschaft beteiligt war. Deswegen stehen die Unternehmen in der Pflicht, gesellschaftliche Implikationen ihrer Produktions- und Verteilungswege mitzuberücksichtigen.

Ein effektiver und unbedenklicher Impfstoff ist eine geistige, logistische und finanzielle Leistung.

Giovanni Maio

Was muss geschehen, damit eine gerechtere Verteilung schneller vonstattengeht?

Das Nadelöhr sind nicht die Patente, das Nadelöhr sind die Produktionsmöglichkeiten. Für die Herstellung von Vakzinen ist ein ganz besonderes Wissen notwendig, eine Vielzahl von Substanzen muss rekrutiert werden. Das kann nicht jedes pharmazeutische Unternehmen einfach so leisten. Wir müssen also dabei helfen, dass die Produktionsstätten der Unternehmen, die das Know-how haben, auch mit staatlicher Unterstützung entsprechend erweitert werden. Nur so kann die Produktion weiter hochgefahren, nur so können mehr Wirkstoffe weltweit verteilt werden. Eine Aufhebung der Patente hätte diesen Effekt übrigens nicht. Im Gegenteil: Viele Firmen würden künftig ein Engagement bei der Vakzinproduktion eher vermeiden, könnten sie die investierten Forschungs- und Entwicklungskosten bei Erfolg des entwickelten Medikaments nicht zurückverdienen. Wir können eine weltweite Gerechtigkeit nur mit den erfolgreichen pharmazeutischen Unternehmen erreichen, nicht gegen sie.

Was halten Sie von dem Vorschlag, auf freiwillige Lizenzvereinbarungen der Impfstoffherstellenden zu setzen?

Wir brauchen einen freiwilligen Transfer von Technologien und Fachwissen, und wir brauchen Anreize zur stärkeren Kooperation der pharmazeutischen Firmen untereinander. Nur so gelangen wir an das Ziel einer Produktionssteigerung des Impfstoffs. Pharmazeutische Unternehmen selbst haben hier Kooperationen, auch mit Firmen der Dritten Welt und gerade in Indien, initiiert und Beeindruckendes geleistet. Ich finde, in diese Richtung muss es noch viel mehr gehen. Wir sollten Zusammenarbeit fördern, statt staatliche Enteignungen vorzunehmen.