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Standuhren

Arbeitsdruck kann auch beflügeln

17. November 2022

Druck hat zu Unrecht ein schlechtes Image. Denn psychologische Erkenntnisse zeigen: Entscheidend ist die Balance.

„Druck ist ein Privileg“ hat die ehemalige Tennis­spielerin Billie Jean King einmal gesagt. King muss es wissen. Sie hat zwölf Grand-Slam-Titel geholt und damit nicht nur ihrem eigenen Druck, sondern dem von Sponsoren, Trainer:innen, Familie, Fans und den Medien erfolg­reich stand­gehalten. Das Druck beflügelt, ist auch in Business-Diskursen ein wieder­kehrendes Motiv. Hier wird oft der schottische Philosoph Thomas Carlyle zitiert: „No pressure, no diamonds.“

Solche Sprüche sind keine hohlen Phrasen, im Gegenteil: Sie wurzeln in Erkenntnissen aus der Psychologie, die zeigen, dass Leistungs­druck bestärken kann. Denn Druck motiviert eben dort, wo es die intrinsische Motivation nicht hinschafft. Durch Druck bleiben wir am Ball.

Kognitive Leistungen verbessern sich

Selbst kognitive Funktionen lassen sich durch Druck verbessern. Wenn Proband:innen in einer künstlich hergestellten Stress­situation akutem Druck ausgesetzt sind, verbessern sich ihre kognitiven Ressourcen – so eine Studie der Ruhr-Universität Bochum. Auch dass der durch Druck ausgelöste Stress die Konzentrations­fähigkeit verbessern kann, ist bekannt. Sogar das Immunsystem reagiert mit einem gewünschten Effekt: Das Stress­hormon Cortisol mobilisiert die unspezifische Immun­abwehr, die Abwehrkräfte werden gestärkt. Druck kann also richtig gesund sein.

Aber unter Druck entstehen eben nicht nur „Diamanten“. Dass Arbeits­belastung auch schädlich sein kann, zeigt die Entwicklung einer speziell auf die psychische Arbeits­belastung gerichtete Normenreihe, die DIN EN ISO 10075. Zu viel Druck kann bei Beschäftigten einen massiven Einschnitt in puncto Wohlbefinden bedeuten. Mittel- bis lang­fristig sind zum Teil schwer­wiegende gesundheitliche Probleme die Folge. Diese Probleme wirken sich auch auf das Arbeits­vermögen aus. Denn wenn man nervöser, ängstlicher und gereizter ist, beeinträchtigt das den eigenen Erfolg – und den des Unternehmens. Gestressten Mitarbeitenden unterlaufen mehr Fehler, die wiederum sind mit Mehraufwand und -kosten und schlimmsten­falls sogar mit einem Reputations­verlust bei Kund:innen oder sogar in der Öffentlichkeit verbunden.

Auch die möglichen körperlichen Auswirkungen von lang andauerndem Stress wie erhöhter Blutdruck, orthopädische Symptome und Organ­schädigungen beeinflussen die Wirtschaftlichkeit von Unternehmen negativ: Sie verursachen eine verminderte Arbeits­leistung, bringen Fehltage und mögliche Kündigungen mit sich. Zudem gibt es Einschätzungen, dass durch Stress ausgelöste Erkrankungen zu einem nicht unbedeutenden Teil für Frühverrentungen verantwortlich sind.

Das schlechte Image revidieren

Zurecht ist daher der öffentliche Diskurs zum Thema Druck nicht der Einstellung „No pressure, no diamonds“ vorbehalten, sondern berücksichtigt auch diese, gerade im Hoch­leistungs­segment eher verschwiegenen negativen Gesichts­punkte. Dennoch – das dürften auch die möglichen positiven Auswirkungen von Arbeits­belastung zeigen – sollte das negative Image von Druck revidiert werden.

Denn Druck sei sogar lebensnotwendig, wie Daniela Kaufer, Neuro­wissen­schaftlerin an der University of California in Berkeley erklärt: „Es gibt diesen Glauben, dass Stress immer schlecht für das Gehirn ist, aber das stimmt nicht. Die Stress­reaktion ist ganz entscheidend für unser Über­leben. Sie ist elementar für unsere Wachsamkeit und sorgt dafür, dass wir uns für das nächste Ereignis adaptieren können.“ Ganz ähnlich, aber auf einer psychologischen Ebene formuliert es die Business-Beraterin Alexandra Lichtenfeld: „Wer sich aus seiner Komfort­zone heraus­begibt, wird gefordert und gepusht. Es verbessert nicht nur die eigene Performance, sondern das ganze Selbst.“ Kurz: Ohne Druck, ohne Anreiz wird das Leben langweilig.

Entscheidend für die Balance zwischen den verschiedenen Druck­aus­wirkungen ist ein Wechselspiel der Zustände, von Anspannung und Entspannung. Und um dafür noch einmal ein Zitat aus der Welt des Spitzen­sports zu bemühen: Erinnern Sie sich noch an das Interview mit Per Mertesacker kurz nach dem WM-Achtel­final­spiel Deutschland gegen Algerien? Darauf angesprochen, warum die deutsche Mannschaft auf so wenig ansprechendem Niveau gespielt habe, pampte Mertesacker erst rum und sagte dann: „Ich lege mich jetzt drei Tage in die Eistonne, und dann werden wir das Spiel in Ruhe analysieren.“ Anders ausgedrückt: Auf große Anspannung muss erst mal Entspannung folgen. Wenige Tage später wurde Deutschland Fußball­welt­meister bei den Männern.

Welche Faktoren Führungskräfte im Umgang mit Druck noch beachten sollten und wie sich Druck positiv verwerten lässt, darüber haben wir mit dem Arbeitspsychologen Sebastian Jakobi gesprochen. Hier finden Sie das Interview.