ZEIT für X
Frau vor lila Wand mit Regenbogenlicht

So helfen Diversity-Trainings

18. August 2022

Wer ein diversitäts­sensibles Arbeits­umfeld schaffen will, muss sich mit „Unconscious Bias“, also unbewussten Denk­mustern aus­einander­setzen. Entsprechende Trainings können Mitarbeitende und Führungs­kräfte dabei unterstützen.

Wir verlassen uns auf unbewusste Denkmuster. Das ist auch gut so. Denn in Gefahren­situationen hat unser Gehirn nicht die Zeit für Differenzierungen. Wenn ein schwarz-gelbes Insekt wütend auf uns zufliegt, heißt es abtauchen. Stereo­typisierung kann Leben retten.

Aber nicht nur. Unbewusste Denkmuster und Stereo­typisierungen sind auch schädlich. Sie sorgen dafür, dass wir Menschen in Schubladen sortieren und anders behandeln: Frau? Keine Ahnung von Technik. Homosexuell? Will bestimmt nicht mit zum Fußball. Ü60? Versteht nichts von Social Media.

Wir alle haben solche Vorurteile. Selbst wenn wir sie rational ablehnen, beein­flussen sie unser Handeln – auch am Arbeits­platz. Deshalb machen Menschen, die Stereo­typisierungen ausgesetzt sind, Aus­grenzungs­erfahrungen, die im schlimmsten Fall zu arbeits­rechtlich relevanter Diskriminierung führen können. Aber auch wenn es nicht dazu kommt, sind unbewusste Denkmuster hinderlich für eine offene Unter­nehmens­kultur, in der sich alle wieder­finden sollen und in der so neue Ideen und kreativer Input wachsen können.

Was tun gegen unbewusste Denkmuster?

Es ist eigentlich ganz simpel: Unbewusste Muster lassen sich durch Bewusst­machung verändern. Aber was so einfach klingt, ist in der Praxis ein langer Prozess, der mit Denk­anstößen von außen beginnt. Diese helfen, unbewusste Denkmuster zu erkennen, zu verorten und andere Perspektiven einzunehmen. Einen Raum für Aus­einander­setzung und Reflexion bieten „Unconscious Bias“-Trainings.

Die EAF Berlin konzipiert solche Trainings basierend auf wissen­schaftlichen Erkenntnissen. Kunden des gemeinnützigen Vereins sind nicht nur Unternehmen, sondern auch Stiftungen und Wissens­organisationen. Die EAF Berlin berät und führt Trainings zu Themen wie Vielfalt, Karriere, Vereinbarkeit und Partizipation durch. Leah Hanraths ist dort Trainerin und Beraterin für Chancen­gleichheit und Vielfalt. Ein „Unconscious Bias“-Training dauert mindestens 3,5 Stunden. Ganz konkret geht es in den Trainings darum, den unbewussten Denkmustern auf die Spur zu kommen: Weshalb verlassen wir uns im Alltag auf unser Unbewusstes? Und wie können wir damit umgehen? „Unser Gehirn ist keine perfekte Maschine. Wir verlassen uns auf Prägung und Sozialisation, denn unser Gehirn will Energie sparen und schnell Eindrücke herunter­brechen“, erklärt Hanraths.

Sie bezieht sich damit auch auf die Arbeit des Psychologen und Nobel­preis­trägers Daniel Kahneman. Stark vereinfacht unterscheidet Kahneman in seinem Buch „Schnelles Denken, langsames Denken“ zwischen zwei Denk­systemen: In System 1 wird schnell und instinktiv gedacht, System 2 ist für das langsamere, durchdachtere Abwägen zuständig. System 1, so Kahneman, halte einige Fall­stricke für uns bereit, denn diese Art des Denkens sei sehr anfällig für kognitive Verzerrungen. Diese Ver­zerrungen führten wiederum dazu, dass verfügbare Informationen überbewertet, Infolücken ignoriert und falsche Zusammen­hänge hergestellt würden. Überall da, wo System 1 vorherrscht, werden also auch Entscheidungen getroffen, die auf Verzerrungen basieren. Keine gute Basis also. Und da insbesondere in Arbeits­kontexten oftmals sehr schnell gehandelt werden muss, sollten Unternehmen oder Organisationen dafür sorgen, dass Führungs­kräfte und Mit­arbeitende dafür sensibil­isiert werden. An dieser Stelle setzt das „Unconscious Bias“-Training an.

Leah Hanraths
© EAF Berlin

Leah Hanraths ist als Senior­expertin im Team der EAF Berlin tätig und unterstützt Unternehmen als Trainerin und Beraterin für Chancen­gleichheit und Vielfalt. Ihre Schwerpunkte liegen auf den Themenfeldern Unconscious Bias und Inclusive Leadership, Empowerment, Inter­sektionalität und Anti­rassismus sowie diversitäts­orientierter Organisations­entwicklung.

Gegen kognitive Verzerrungen

Hierbei ginge es, sagt Leah Hanraths, nicht nur darum, kognitive Verzerrungen zu identifizieren, sondern auch darum, unbewusste Stereotype zu entlarven. Denn die können Einfallstore für Aus­grenzungs­erfahrungen sein.

In den Trainings werden diese Einfallstore ganz konkret an Praxis­beispielen dargestellt. Ein Beispiel: Eine junge Kollegin wird durch einen Kollegen permanent in Meetings unterbrochen. Hanraths lässt im Training diskutieren: Weshalb ist ein solches Verhalten problematisch? Was kann man als direkt Betroffene:r oder als Kolleg:in tun? „Wenn man solche Wege schon mal im Kopf durch­gegangen ist, ist es viel leichter, sie dann auch in der Praxis umzusetzen“, sagt die Trainerin.

Trainings allein reichen nicht aus

Solche Reflexions­übungen im Rahmen von „Unconscious Bias“-Trainings sind ein erster Anstoß, reichen jedoch nicht aus, um Vielfalt im Unternehmen nachhaltig zu sichern. Dafür braucht es eine Strategie. „Das Thema Diversität und Repräsentanz kann nicht umgesetzt werden, wenn die Führungs­kräfte nicht mitziehen. Die Struktur muss sich verändern, und ein Unternehmen muss bereit sein, Diversität auch beherbergen zu wollen.“

Die EAF Berlin kann dabei unterstützen, unter­nehmens­bezogene Diversitäts­ziele zu entwickeln und umzusetzen. Die Trainings sollen Denk­anstöße dafür geben: Was bedeutet es, wenn ich nicht dieselben Feiertage wie meine Mit­arbeitenden habe, weil wir beispiels­weise unter­schiedlichen Religionen angehören? Wie kann ich auch introvertierten Menschen in meinem Team Gehör verschaffen?

Das Bewusstsein für unbewusste Denkmuster ist hier ein wichtiger Aspekt, um Formen des Team­buildings und der Entscheidungs­findung zu kultivieren – an denen möglichst viele Menschen teilhaben können.