ZEIT für X
Demo gegen Fake News

Jenseits aller Fakten

13. April 2022

Ein interdisziplinäres Forschungsteam hat das Buch „Desinformation aufdecken und bekämpfen“ heraus­gebracht. Hier lesen Sie fünf Tipps für das Erkennen von Falsch­informationen.

von Nataša Ivaković, Studio ZX

Fake, der Fake eines Fakes – oder doch bloß die Wahrheit? Im Jahr 2015 tauchte ein Video auf, das den damaligen Finanz­minister Griechenlands, Yanis Varoufakis, mit Stinke­finger zeigte. Satiriker Jan Böhmermann behauptete kurze Zeit später, das Video gefälscht und die obszöne Geste hinein­montiert zu haben. Viele deutsche Medien fielen darauf herein. Dabei wollte der Satire-Coup lediglich dazu anregen, die Rolle der Bericht­erstattung in Zeiten der damaligen Griechenland­krise zu hinter­fragen.

Dies ist also sieben Jahre her, und man könnte meinen, Falsch­informationen haben inzwischen Hoch­konjunktur. Sei es im Zuge der Corona­pandemie oder in der Recht­fertigungs­strategie Russlands für den kriegerischen Angriff auf die Ukraine: Überall kursieren abstruseste Verschwörungs­mythen. So wird etwa behauptet, mRNA-Impfstoffe machten unfruchtbar und ein renommiertes Hamburger Tropen­institut würde gemeinsam mit der Ukraine an tödlichen Biowaffen tüfteln.

Social Media ist Treiber von Des­in­forma­tion

„Ich bin mir nicht sicher, ob es tatsächlich eine Zunahme der Desinformation oder vielmehr eine Beschleunigung der Verbreitung ist“, sagt Martin Steinebach, der am Fraunhofer-Institut für Sichere Informations­technologie (SIT) die Abteilung für Medien­sicherheit und IT-Forensik leitet. Facebook, YouTube, WhatsApp: Allein die drei beliebtesten sozialen Netzwerke vereinen weltweit mehrere Milliarden Nutzer:innen. Binnen eines Jahres, von Januar 2021 bis Januar 2022, ist laut Statista die Anzahl der Menschen, die in sozialen Netzwerken unterwegs sind, um rund zehn Prozent gestiegen – auf 4,62 Milliarden. Dass damit auch die Verbreitung von Falsch­nachrichten rasant zunimmt, liegt nahe. Und dass das eine Gefahr für den gesellschaftlichen Zusammenhalt und ein Nährboden für die Radikalisierung von Einzelnen sein kann, zeigt die Studie „Desinformation in Deutschland“ der Vodafone Stiftung.

Die Mechanismen von Desinformationen und die dahinter­liegenden Macht­strukturen auf­zu­decken ist eine wichtige Aufgabe der Zivil­gesellschaft, aber auch der Forschung.

Michael Kreutzer

Auch die Wissenschaft geht dem Phänomen auf den Grund: In dem vom Bundes­ministerium für Bildung und Forschung (BMBF) geförderten Projekt „DORIAN – Desinformation im Internet aufdecken und bekämpfen“ hat ein inter­disziplinäres Forschungs­team das Thema systematisch untersucht. „Die Mechanismen von Desinformationen und die dahinter­liegenden Macht­strukturen auf­zu­decken ist eine wichtige Aufgabe der Zivil­gesellschaft, aber auch der Forschung“, so Projekt­koordinator Michael Kreutzer.

Was bedeutet was? Begriffs­erklärungen

Wichtige Ergebnisse des „DORIAN“-Projekts sind 2020 im Buch „Desinformation aufdecken und bekämpfen“ erschienen. Hier hat ZEIT für Forschung einmal fünf handfeste Tipps, wie man Falsch­informationen entlarvt, für Sie zusammen­gefasst.

Fünf Tipps, wie Sie Des­in­forma­tionen erkennen können

Textzusammenhang prüfen

Stimmt die Überschrift mit dem Nachrichten­text überein? Ist der gesamte Text der Meldung in sich wider­spruchs­frei? „Texte, die Desinformationen enthalten, haben häufig reißerische Überschriften, deren Aussage nicht oder ungenügend im ‚Nachrichten­text‘ aufgegriffen wird. Im Text sollte man auf nicht nach­voll­zieh­bare Rückschlüsse und aus dem Kontext gerissene Aussagen achten“, rät IT-Experte Martin Steinebach, Mit­heraus­geber des Buchs.

Fakten kritisch gegen­über­stehen

Passt die eventuell reißerische und emotionale Darstellung mit den bislang bekannten Fakten zusammen? Geben die Quellen­links verlässliche Hinweise auf die dargebotenen Fakten? „Vorsicht ist angebracht, wenn der Eindruck entsteht, dass die eigene Aufmerksamkeit durch angeblich skandalöse Fakten und mit gefühls­betonten Adjektiven maximiert werden soll“, erläutert Michael Kreutzer.

Wer sind die Urheber:innen?

Lassen sich die ursprünglichen Verbreiter:innen der Information leicht identifizieren? Können diese einer seriösen Nachrichten­quelle zugeordnet werden? „Wenn ein Artikel verbreitet wird, der angeblich aus einer allgemein anerkannten Quelle wie etwa der Webseite einer angesehenen Zeitung stammt, aber nicht direkt mit dieser verknüpft ist, sollte man über­prüfen, ob er sich tatsächlich auf dieser Quelle befindet“, empfiehlt Martin Steinebach. „Wenn der Artikel nicht namentlich gekennzeichnet ist, dann könnte das Impressum hier Auskunft geben, sofern vorhanden. Ist beides nicht da, ist Skepsis angebracht. Könnten die Verfasser:innen beziehungs­weise die Urheber:innen Eigen­interessen verfolgen?“

Was die anderen sagen

Verbreiten andere, journalistisch arbeitende Quellen die gleiche Nachricht? Führen sie über­ein­stimmende Fakten an? Bei Ereignissen im Ausland: Berichten Medien aus verschiedenen Ländern, in denen journalistische Standards gelten, eine über­ein­stimmende Lage? Michael Kreutzer: „Ein kritisches Auge ist insbesondere dann angebracht, wenn Meldungen von ‚Staats­medien‘ anderer Länder stammen.“

Echtheit der Bilder

Kommt das Foto der fraglichen Veröffentlichung in einer nachweislich früheren, anders gelagerten Meldung vor, wenn eine Bild­rückwärts­suche im Internet genutzt wird? Martin Steinebach erläutert: „Die inverse Bilder­suche kann mit verschiedenen frei verfügbaren Such­maschinen durch­geführt werden, um identische oder minimal veränderte Bilder zu finden. Die Such­maschine zeigt an, auf welchen Webseiten das Bild bereits verwendet wird, in welchem Zusammenhang das Bild genutzt wird und seit wann das Foto im Internet zu finden ist.“

Warum man nicht allen Informationen glauben sollte, nur weil sie in unser Weltbild passen, und welche Möglichkeiten und Methoden die Wissenschaft hat, um Desinformationen schnell und systematisch aufzudecken – das und mehr erfahren Sie hier.

„Desinformation aufdecken und bekämpfen“

Buchcover "Desinformation aufdecken und bekämpfen"
© Nomos

Umfassende Erforschung eines Phänomens: Wie wirkt Desinformation? Und wie kann sie mithilfe technischer Mittel erkannt werden? Das Buch liefert Antworten auf diese und viele weitere Fragen, die inter­disziplinär von den Heraus­geber:innen Martin Steinebach, Katarina Bader, Lars Rinsdorf, Nicole Krämer und Alexander Roßnagel aufgearbeitet wurden.
Erschienen 2020 im Nomos-Verlag, frei zugänglich zum Download.