ZEIT für X
COP27 – ein Mann "hält" die Erdkugel

Lehren aus COP27 – Lust statt Frust

24. November 2022

Der diesjährigen UN-Klimakonferenz sei nicht viel Positives abzugewinnen, finden viele. Gastautor Ulrich Eberl aber sagt: Ein Umbau der Welt­wirtschaft bietet innovativen Unternehmen viele Chancen.

Ein Kommentar von Ulrich Eberl

Das wichtigste Ergebnis der Klima­konferenz der Vereinten Nationen im ägyptischen Scharm el-Scheich steht nicht im Abschluss­dokument. Es ist nicht der Fonds für Klimaschäden, so bedeutend er auch für die ärmsten Länder der Welt sein mag. Klima­konferenzen ähneln Therapie­sitzungen für Umwelt­frevler:innen. Es hat Jahr­zehnte gedauert, um die Phase des Nicht-wahrhaben-Wollens zu überwinden, in der die Bedrohung durch den Klimawandel oft ignoriert wurde. Die Phase danach ist gerade zu beobachten: die Achterbahn der Gefühle. Wut, Frustration und Panik bei denen, die sich an Gemälde und Straßen kleben, und Resignation bei denen, die glauben, dass wir nichts mehr ändern können.

Das wichtigste Resultat der diesjährigen Konferenz ist etwas anderes: Selbst die größten Klimasünder:innen leugnen nicht mehr, dass gehandelt werden muss. Wir werden der Katastrophe nur entgehen, wenn fossile Ressourcen im Boden bleiben und die Rodung der Regen­wälder gestoppt wird. Die Welt ist in der finalen Phase der Krisen­bewältigung angekommen. Noch sind die Maßnahmen unzureichend und zu zögerlich. Noch versuchen manche, zu tricksen. Aber klar ist allen: Wir müssen weg vom fossilen „Energydrink“. Wir müssen Energie gewinnen ohne Kohle, mobil sein ohne Öl, heizen ohne Erdgas, bauen ohne Beton, wirtschaften ohne Müll, in Kreis­läufen denken und uns nach­haltiger ernähren – kurz: leben mit der Natur, nicht gegen sie.

Ulrich Eberl
© Peter Hassiepen/Piper Verlag

Ulrich Eberl ist Zukunftsforscher und Buchautor. In seinem aktuellen Buch „Unsere Über­lebens­formel“ bewertet er die global wirksamsten Lösungs­strategien für Umwelt­krisen und schildert Projekte aus der Forschung, die hier Abhilfe schaffen könnten. Der promovierte Biophysiker arbeitete bei Daimler und leitete 20 Jahre lang bei Siemens die Kommunikation über Forschung und Innovationen.

Potenzial für Innovationen

Die Gewinner:innen dieses Paradigmen­wechsels werden diejenigen sein, die jetzt vorangehen, die innovative Lösungen entwickeln und Geschäfts­modelle für die neue Zeit. Dies gilt für die produzierende Industrie ebenso wie für Energie­unternehmen, Banken und ganze Volks­wirtschaften. Die Schweizer Nach­haltig­keits­expertin Katrin Muff hat es einmal so ausgedrückt: Firmen agieren wie im Sandkasten. Wenn Politik und Gesellschaft die Leitplanken verschieben – etwa durch Förderungen für erneuerbare Energien, Wärme­pumpen und Elektro­autos oder durch Abgaben für Treib­haus­gase und einen Werte­wandel hin zu mehr Nachhaltigkeit –, dann stellen sich kreative Unternehmen darauf ein und versetzen ihr Spielzeug schnell in den neuen Sandkasten.

Genau das passiert zurzeit. Beispiel Energiesysteme: Weltweit ist Strom aus Wind- und Solaranlagen bereits kosten­günstiger als der aus Kohle. Partner­schaften entstehen, in denen etwa die EU und die USA Ländern wie Südafrika helfen, die Ära der Kohle zu verlassen. Zugleich sollen in Chinas Wüsten bis 2030 Wind- und Solaranlagen mit 450 Gigawatt Leistung gebaut werden, 60 Prozent mehr, als die EU besitzt. In Deutschland gibt es allein auf Dächern noch Platz für rund 200 Gigawatt an Solarmodulen. Ähnlich viele könnten als Agri-Photovoltaik-Anlagen realisiert werden: Ackerflächen kombiniert mit darunter angebauten Kartoffeln, Gemüse oder Gras zur Viehhaltung – viel Potenzial also für innovative Firmen.

Auch die Elektromobilität steht vor dem Durchbruch, weil die Preise für Lithium-Ionen-Akkus seit 2010 um 90 Prozent gesunken sind. Die EU will wie Kalifornien ab 2035 keine Benzin- oder Dieselautos mehr neu zulassen, Großbritannien schon ab 2030. Fast alle Auto­hersteller und ihre Zulieferer stellen ihre Fabriken um: auf E-Mobilität und die stark zunehmende Digitalisierung. Allein in Deutschland sollen 2023 mehr als 150 verschiedene E-Modelle zu kaufen sein, auch von Herstellern aus China und sogar aus Vietnam.

Auch in der Gebäudetechnik kommt der Wandel in Gang. Ab 2024 könnten hierzulande eine halbe Million Wärme­pumpen pro Jahr installiert werden – mehr als doppelt so viele wie 2022 –, hieß es von Firmen der Branche Mitte November bei einem Treffen mit Bundes­wirtschafts­minister Robert Habeck. Damit käme das für die Klima­neutralität nötige Ziel von sechs Millionen dieser Geräte bis 2030 und 14 Millionen bis 2045 in Reichweite. Das größte Hindernis ist hier wie bei Solaranlagen und Speichern der Fach­kräfte­mangel. Es fehlen Zehn­tausende von Monteur:innen, Hand­werker:innen und anderen Spezialist:innen. Neben dem Büro­kratie­abbau und der Neujustierung von Liefer­ketten müssen staatliche Stellen und Firmen daher einen Fokus auf die Aus- und Weiterbildung legen.

Krisen klug begegnen

Bei Gebäuden kommen weitere Hürden hinzu. Vermieter:innen, Mieter:innen und wenig begüterte Rentner:innen brauchen Anreize, ihre Wohnungen auf Vordermann zu bringen. So würde die Sanierung des ältesten Drittels der Gebäude in Deutschland deren Wärme­bedarf um vier Fünftel verringern – ein Konjunktur­programm und eine Win-win-Situation, weil Heiz­kosten und Emissionen erheblich sinken würden. Zugleich werden verstärkt Häuser mit Holz statt Beton gebaut, in Hamburg und Berlin entstehen sogar 70 bis 100 Meter hohe Holz­hoch­häuser.

Geradezu ein Eldorado für innovative Start-ups ist der Trend zu fleisch­loser Ernährung. Da wimmelt es nur so von kreativen Firmen: vom veganen Zero-Waste-Restaurant mit Bio­bauernhof­anschluss über Novel Food mit Algen oder den Anbau von Salat und Kräutern in voll­automatisierten Glas­schränken bis zu Fleisch­imitaten aus dem Bioreaktor. Da die Ernährungs­industrie weltweit mehr als ein Viertel aller Klimagase verursacht – und fast zwei Drittel davon auf die Fleisch­wirtschaft zurück­gehen –, ist dies ein wichtiger Beitrag für mehr Nachhaltigkeit.

Innovative Firmen sind auf allen Feldern gefragt, die neu entstehen, vor allem rund um Wasserstoff als Speicher für Grünstrom, als Ersatz für Kohle in der Stahl­industrie und als Ausgangs­punkt für synthetische, klima­neutrale Treibstoffe. Nicht zu vergessen die lernenden Maschinen für mehr Nachhaltigkeit. Künstliche Intelligenz kann den Ertrag von Windparks steigern, den Energie­verbrauch von Rechen­zentren, Häusern und ganzen Städten senken, Abfälle in der produzierenden Industrie verringern oder auf Äckern den Einsatz von Dünger und Pestiziden minimieren. Keine Frage: Wenn die Welt­wirtschaft umgebaut werden muss, ist dies eine Krisen­situation – doch zugleich eine Chance für alle kreativen Menschen, an einer lebens­werten Zukunft mit­zu­wirken.