ZEIT für X

Sind Gas und Atomstrom wirklich nachhaltig?

27. Juli 2022

Die Europäische Union hat entschieden: Erdgas und Atomkraft wird in die EU-Taxonomie aufgenommen und gilt damit als klima­freundlich. Lesen Sie hier Stimmen dazu aus Wissen­schaft, Industrie­verbänden und NGOs.

von Kristina Kara, Studio ZX

Nun ist es beschlossen: Erdgas und Atomkraft gelten in der EU fortan als „grün“ oder „nachhaltig“. Das EU-Parlament hatte unter harter Kritik eines breiten Zusammen­schlusses aus Wirtschaft, Politiker:innen und Umwelt­schützer:innen gebilligt, dass Investitionen in Gas- und Atom­kraftwerke in der EU ab Januar 2023 als klima­freundlich eingestuft werden können. Dafür wurden beide Energie­­quellen in die EU-Taxonomie aufgenommen. Sie sollen die EU in eine CO2freie Zukunft führen. Wir haben uns umgehört und Stimmen aus der Wissenschaft, der Wirtschaft und von NGOs gesammelt. Lesen Sie hier, wie diese zu der EU-Entscheidung stehen.

Das sagt die Wissenschaft

© Peter Himsel

Dr. Claudia Kemfert leitet die Abteilung „Energie, Verkehr, Umwelt“ am Deutschen Institut für Wirtschafts­forschung (DIW Berlin) und ist Professorin für Energie­wirtschaft und Energie­politik an der Leuphana Universität Lüneburg. 2016 wurde sie in den Sach­verständigen­rat für Umwelt­fragen berufen, dessen Co-Vorsitzende sie im Rahmen ihrer zweiten Amtszeit ist. Als Mitglied der High Level Group on Energy and Climate hat sie die Europäische Kommission beraten.

„Dass die EU-Taxonomie sowohl Atomkraft als auch fossiles Erdgas als nachhaltig einstuft, ist ein gravierender Fehler, wider­spricht den EU-Green-Deal-Zielen und ist zudem rückwärts­gewandt. Weder Atomkraft noch fossiles Erdgas sind nachhaltig. Atomkraft ist teuer, birgt zu große ökonomische und ökologische Risiken, gerade in Kriegszeiten. Auch fossiles Erdgas ist nicht nachhaltig, da sowohl bei der Förderung als auch bei der Verbrennung klima­wirksame Treib­haus­gase entstehen. Fossiles Erdgas ist fast so schädlich wie Kohle. Jegliche Investitionen müssen heute aus­schließlich in erneuerbare Energien fließen. Jegliches Geld in Vergangen­heits­technologien fehlt bei der echten Energiewende.“


Professor Dr. rer. nat. Ernst Ulrich von Weizsäcker ist Wissenschaftler, Buchautor, Politiker und Ehren­präsident des Club of Rome. Er zählt zu den Pionieren nachhaltigen Wirtschaftens. Schon in den frühen 1990er-Jahren hat er in seinem Faktor-Vier-Bericht an den Club of Rome Ideen für eine zukunfts­fähige und ressourcen­schonende Wirtschaft vorgelegt.

„Die Nachhaltigkeits-Taxonomie war eine vernünftige Idee für die erneuerbaren Energien. Fossiles Gas hinein­zu­mogeln, war schon vor der Ukraine-Krise Unfug. Atom­energie erst recht, aber für Frankreich dringlich, weil man die Dutzenden kranker AKW sanieren will. Die Ausrede, künftige Atommeiler wären niedlich klein, billig und sicher, ist ein Schmarrn. Photovoltaik-Strom ist kleiner, billiger und sicherer! Und Mini-AKW können Zielscheibe für Terroristen werden.“


Professor Dr. Alexander Bassen berät die Bundes­regierung in drei wichtigen Beiräten. Der Hamburger Wirtschafts­wissen­schaftler ist Mitglied des Wissen­schaftlichen Beirates der Bundes­regierung Globale Umwelt­ver­änderungen (WBGU) und im Rat für Nachhaltige Entwicklung (RNE) sowie im Sustainable Finance-Beirat der Bundes­regierung aktiv.

„Die EU-Taxonomie hat das erklärte Ziel, Greenwashing zu unterbinden. Dass bestimmte Nuklear- und Gas­aktivitäten nun auch als nachhaltig im Sinne der Taxonomie gelten können, sendet ein falsches Signal. Diese Energiequellen gefährden andere Umweltziele der Taxonomie, und Investitionen in sie begünstigen Lock-in-Effekte. Außerdem werden Investitionen in nicht taxonomie­konforme Projekte durch die Taxonomie-Verordnung nicht verboten. Nuklear- und Gas­aktivitäten könnten somit ohne Aufnahme in die Taxonomie fortbestehen. Sie als nachhaltig zu klassifizieren, ist Augenwischerei.“


Dr. Kerstin Lopatta ist Professorin an der Universität Hamburg und Mitglied im Management­board der Wissenschafts­plattform Sustainable Finance. In ihrer Forschung untersucht sie die Effekte von ESG-Faktoren (Umwelt, Sozial- und Unternehmensführung) auf Unternehmen und Gesellschaft. Kerstin Lopatta ist Mitglied im Aufsichtsrat und Vorsitzende des Prüfungs­ausschusses der EQS Group AG und Mitglied im Direktorium der Global Research Alliance for Sustainable Finance and Investment.

„Dass Nuklear- und Gaskraftwerke im Rahmen der EU-Taxonomie zukünftig als nachhaltig gelten können, unterhöhlt die ursprünglich ambitionierte EU-Taxonomie. Als eine Verordnung, welche die Klassi­fizierung nachhaltiger Wirtschafts­aktivitäten objektivieren soll, ist die Taxonomie dazu gedacht, Finanz­akteuren Transparenz über nachhaltige Invest­itions­möglichkeiten zu bieten. Wer sein Geld nachhaltig anlegen möchte, aber weder Atomkraft noch Erdgas für ‚grün‘ hält, wird sich auf Taxonomie-Berichter­­stattung künftig nicht verlassen können.“


© privat

Professor Dr. Timo Busch lehrt Betriebswirtschaftslehre an der Universität Hamburg und ist Senior Fellow am Center for Sustainable Finance and Private Wealth der Universität Zürich. Er ist Mitglied des Lenkungs­kreises der Wissen­schafts­plattform Klimaschutz, der die deutsche Bundes­regierung berät. Zuvor war er am Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie tätig.

„Ein großer Bärendienst. Man führe sich vor Augen: Ab August dieses Jahres müssen Anbieter von Investment­produkten die Nach­haltig­keits­präferenzen der Anleger abfragen. Basierend darauf können als eine Option Produkte offeriert werden, die nachhaltige Investitionen beinhalten. Was dies genau ist, wird durch die Taxonomie festgelegt. Oma Else verkündet beispielweise, Umweltschutz ist ihr wichtig. Ihr Spar­groschen fließt dann in Atomkraft und Gas. Unabhängig davon, wie sie das nun findet, frage ich mich, wie Atomkraft mit einem anderen Prinzip der EU-Vorgaben vereinbar ist: keinen signifikanten Schaden zu verursachen.“


Dr.-Ing. Markus Koschlik ist Professor für Bau­ingenieur­wesen an der DHBW Mosbach. Er promovierte am Institut für Baubetrieb der Universität der Bundeswehr München zum Thema „Verfahren zur ganzheitlichen Nach­haltig­keits­integration bei öffentlichen Baumaßnahmen im In- und Ausland“. Zuvor war er zwölf Jahre lang Offizier der Bundeswehr und als militärischer Bauleiter unter anderem in Afghanistan eingesetzt.

„Die ‚ökologische‘ Taxonomie ist eine EU-Verordnung, die Vorgaben für nachhaltige Investitionen definiert. So lautete zumindest das ursprüngliche Ziel. Seit dem 6. Juli 2022 ist die Taxonomie aber etwas anderes: Sie ist das perfekte Beispiel dafür, wie auf höchster EU-Ebene Green­washing betrieben wird. Dabei sollte die EU es doch besser wissen, hat sie doch erst vor Kurzem Regeln gegen das Green­washing von Unternehmen erstellt. Adieu Green Deal; begrüßen wir wieder die Vergangen­heit!“

Was ist die EU-Taxonomie-Verordnung?

Die Taxonomie ist ein Gesetzes­­vorhaben der EU, das festlegt, welche Wirtschafts­­tätigkeiten und Technologien als „grün“ oder „nach­haltig“ bezeichnet werden dürfen. Sie soll als Wegweiser dienen, um Finanzströme in grüne Wirt­schafts­­bereiche zu lenken. Damit können nur noch Geld­anlagen, die nach den Vorgaben der Taxonomie getätigt werden, das Label „Nach­haltig­keits­­fonds“ verwenden. Größere Unternehmen und Finanz­institute müssen zudem offenlegen, welcher Anteil ihrer Finanz­­­aktivitäten den Vorgaben der Taxonomie entspricht. Die EU-Taxonomie soll auch für Transparenz sorgen, denn zeigt Verbraucher:innen und Investor:innen, welche wirtschaftlichen Aktivitäten nachhaltig sind.

Das sagt die Wirtschaft

© Joerg Farys

Dr. Katharina Reuter führt seit 2014 die Geschäfte des Bundes­verbandes Nachhaltige Wirtschaft (BNW). Die Agrar­ökonomin war als Geschäfts­führerin der Zukunfts­stiftung Land­wirtschaft und der Klima-Allianz Deutschland tätig. Unter anderem ist sie Mit­begründerin der European Sustainable Business Federation, der Regionalwert AG Berlin-Brandenburg sowie der Entrepreneurs For Future.

„Die Entscheidung des EU-Parlaments, Atom und Gas als nachhaltig zu labeln, konter­kariert alle Bemühungen der EU, den Green Deal wirklich ernsthaft umzusetzen. Die Entscheidung ist ein herber Rückschlag nicht nur für die Wirksamkeit der Taxonomie, sondern vor allem für deren Glaub­würdigkeit. Damit sind auch die Gütesiegel der Finanz­branche massiv beschädigt. Viel schlimmer ist aber, dass die fossile Lobby damit die nächste Generation immer stärker in ihren Ent­scheidungs­möglich­keiten einschränkt und die Klima­gerechtigkeit mit Füßen tritt.“


Holger Lösch ist stell­vertretender Haupt­geschäfts­führer des Bundes­verbandes der Deutschen Industrie (BDI). Nach beruflichen Stationen als Journalist und in der Unter­nehmens­kommunikation wurde er im Jahr 2008 Bereichsleiter Kommunikation und Marketing des BDI, seit 2009 ist er auch Mitglied der Geschäfts­leitung. In einem Statement des BDI schreibt er:

„Mit der EU-Taxonomie ist jetzt der Weg frei für Finanzströme in den Übergang von Kohle und Erdgas zu erneuerbaren und alternativen Gasen – das gibt der Industrie Planungs­sicherheit. Unsere Brücken­technologie für das Zeitalter der Erneuerbaren ist das Gas. Für Energie­versorgungs­sicherheit inmitten der aktuellen Energie­krise braucht es mehr denn je Investitionen in Gas­infra­strukturen, vor allem auch in Flüssiggas-Terminals. Neue Gas­kraftwerke müssen wasser­stoff­fähig sein − und damit langfristig CO2neutral.“


Yvonne Zwick
© Hoffotografen Berlin

Yvonne Zwick ist Vorsitzende des Bundes­deutschen Arbeits­kreises für Umwelt­bewusstes Management (B.A.U.M.) e. V. Zuvor war die studierte Theologin viele Jahre als stell­vertretende General­sekretärin des Rates für Nachhaltige Entwicklung (RNE) der Bundes­regierung tätig.

„Die Mehrheit im EU-Parlament für Atom und Gas in der Taxonomie wirft uns zurück auf den Status quo ante. Das Ansinnen für die Aus­arbeitung eines Klassi­fikations­systems für nachhaltige Wirtschafts­aktivitäten, Klarheit in den Markt zu bekommen, wird verfehlt. Pragmatisch wäre, die Taxonomie zu ignorieren. Was wir befürchten müssen, ist, dass sie unter dem Deckmantel des Übergangs Investments in fossile Unrechts­ökonomien befördert. Für die Neu­orientierung von Kapital­flüssen und die Bewertung von Investment­risiken kommen wir, wie auch schon zuvor, nicht um eine ganz­heitliche Betrachtung umfassender Nach­haltig­keits­kriterien herum.“


Dr. Wolfgang Große Entrup ist Haupt­geschäfts­führer des Verbandes der Chemischen Industrie (VCI). Der promovierte Agrar­ingenieur ist derzeit Senior Vice President bei der Bayer AG. Davor war Große Entrup bei der BASF SE in Vertriebs- und Stabs­organisationen in leitenden Funktionen tätig. Im offiziellen Statement des VCI wird er mit folgenden Worten zitiert:

„Mit einem Wolken­kuckucks­heim von Zwischen­zielen wie im Entwurf hätte die Kommission die Transformation mehr ausgebremst statt beschleunigt. Moderne Erdgas­kraft­werke sind für eine sichere Stromversorgung unbestritten eine zwingend notwendige Brücken­technologie auf dem Weg zur Klima­neutralität. Das gilt vor allem für das Industrieland Deutschland.“


© Rainer Kant

Professor Dr. Maximilian Gege bekleidet zahlreiche Funktionen in Beiräten und Jurys. Der Gründer und Ehren­vorsitzende des Bundes­deutschen Arbeits­kreises für Umwelt­bewusstes Management (B.A.U.M.) e. V. hat über 20 nationale und internationale Aus­zeichnungen erhalten. Seit 2001 ist er Honorar­professor an der Leuphana Universität Lüneburg.

„Was für eine fatale Fehl­ent­scheidung, auch was die Finanzen angeht! Anlegerinnen und Anleger sollen mit gutem Gewissen in Atomkraft und Erdgas investieren können. Auch Finanzmittel aus dem Corona-Wieder­aufbau­fonds der EU können so in diese keinesfalls nachhaltigen Energieträger fließen. Die mit nuklearer Energie verbundenen Risiken lassen Milliarden Kosten für Versicherungen erwarten. Weitere Kosten entstehen mit der späteren Entsorgung.“

Das sagen die NGOs

Mauricio Vargas ist Finanz-und Wirtschafts­experte bei Greenpeace. Mit seinem Fach­wissen und seinen Analysen unterstützt er die Teams Energie­wende und Mobilität bei Kampagnen. Vorher hat er zehn Jahre lang als Volkswirt und Analyst für einen großen Vermögens­verwalter gearbeitet.

„Die EU darf Investoren nicht absichtlich im Dunkeln lassen, wo sie ihr Geld klima­freundlich und zukunfts­tauglich einsetzen können. Wer Gas und Atom nach­haltig nennt, stürzt die Finanzakteure in Orientierungs­losig­­keit, die zu windigen Angeboten einlädt und Klimaschutz untergräbt. Beides wollen wir mit der Klage verhindern.“


Stefan Schurig
© F20

Stefan Schurig ist seit 2017 General­sekretär der internationalen Stiftungs­plattform F20. Sie ist ein Forum von über 60 Stiftungen, die sich für die Umsetzung der 2030 Agenda und des Pariser Klima­abkommens einsetzen. Von 2007 bis August 2017 war Schurig Leiter der Abteilung Energie und Nachhaltige Städte und Vorstands­mitglied der Stiftung World Future Council (WFC).

„Man kann über Kern­energie und Gas unterschiedlicher Meinung sein. Fair enough! Aber beides als nach­haltig zu kenn­zeichnen, ist reiner Fake – und eine Blamage der EU in der Welt. Investoren wollen vor allem eins: investieren. Und Klarheit. Niemand hat mehr Interesse an neuen Mogel­packungen, die Verwirrung und neue Unklar­heiten stiften. Und das in Zeiten, in denen die Klima- und Energie­krise mit voller Wucht zu spüren ist. Mutmaßlich wird dies nun auch von Gerichten so bestätigt werden – was die Angelegenheit für die EU nicht angenehmer macht.“


Matthias Kopp leitet den Bereich Sustainable Finance beim WWF Deutschland. Der studierte Wirtschafts­ingenieur arbeitete für PwC und IBM und baute beim WWF den Bereich Finanz­märkte auf. Er ist unter anderem Mitglied im Sustainable Finance-Beirat der Bundes­regierung, im Beirat der Börse Hannover zum GCX sowie im Beirat der Klimaschutz-Unternehmen.

„Es ist eine große Enttäuschung: Das EU-Parlament schafft die Grundlage für strukturelles Green­washing. Erdgas und Atomkraft sind nicht nachhaltig. Private Anlegerinnen und Anleger werden nicht in ,nachhaltige‘ Produkte investieren wollen, die das Taxonomie-Label tragen. Den Finanz­instituten hilft die Taxonomie in dieser Form nicht, weil sie keine Klarheit und Eindeutigkeit mehr verspricht. Die Glaub­würdigkeit der EU-Taxonomie ist dahin. Die EU hat ein Kernstück ihres Green Deals und der notwendigen Trans­formation für kurzfristige politische Interessen geopfert.“